{"id":195,"date":"2017-11-20T19:35:15","date_gmt":"2017-11-20T18:35:15","guid":{"rendered":"http:\/\/romanistisches-kolloquium.de\/dlv\/?page_id=195"},"modified":"2017-11-20T19:40:57","modified_gmt":"2017-11-20T18:40:57","slug":"notstand","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/was-ist-lusitanistik\/wissenschaftsgeschichte\/notstand\/","title":{"rendered":"Notstand"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\">Hans Rheinfelder (\u2020, M\u00fcnchen)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<h1><b>Vom Notstand der Romanischen Philologie<\/b><\/h1>\n<p class=\"bodytext\"><b>[1960]<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die deutschen Universit\u00e4ten haben Lehrst\u00fchle f\u00fcr Deutsche Philologie; an den H\u00f6heren Schulen Deutschlands gibt es Deutsch-Unterricht. Die Universit\u00e4ten haben Lehrst\u00fchle f\u00fcr Englische Philologie; an den H\u00f6heren Schulen gibt es Englisch-Unterricht. Die Universit\u00e4ten haben Lehrst\u00fchle f\u00fcr Romanische Philologie, d.\u00a0h. f\u00fcr die Geschichte der neun romanischen Sprachen und Literaturen; an den H\u00f6heren Schulen gibt es Unterricht im Franz\u00f6sischen, Spanischen und Italienischen: im Franz\u00f6sischen als Pflichtfach (in Bayern auch im Spanischen); in allen drei Sprachen als Wahlfach. Diese Gegen\u00fcberstellung der Deutschen, Englischen und Romanischen Philologie und ihrer Ausstrahlung auf die Schule l\u00e4\u00dft sofort eine Unstimmigkeit sichtbar werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Als im Jahre 1888 der Professor der Neueren Philologie an der Universit\u00e4t Heidelberg, Dr. Karl Bartsch, starb, wurden aus seinem Lehrstuhl drei selbst\u00e4ndige Lehrst\u00fchle gebildet: einer f\u00fcr Deutsche Philologie, einer f\u00fcr Englische Philologie, einer f\u00fcr Romanische Philologie. So fruchtbar die Zusammenschau dieser drei Philologien sich in den vorhergehenden Jahrzehnten erwiesen hatte, so war doch bei der wachsenden Entfaltung und Vertiefung ihrer Forschungsgegenst\u00e4nde l\u00e4ngst offenbar geworden, da\u00df es nicht mehr einem einzelnen Forscher zugetraut und zugemutet werden konnte, auf allen drei Gebieten, forschend und lehrend, in gleicher Weise Gro\u00dfes zu leisten. Nach wenigen Jahren zeigte sich bereits, da\u00df die Philologie der Muttersprache und der heimischen Literatur abermals eine Zerteilung erforderlich machte. So haben die deutschen Universit\u00e4ten schon bald eigene Lehrst\u00fchle einerseits f\u00fcr Deutsche Philologie im engeren Sinne, d.\u00a0h. f\u00fcr Deutsche Sprachwissenschaft, und andererseits f\u00fcr Deutsche Literaturgeschichte bekommen, wobei an einzelnen Universit\u00e4ten auch die mittelalterliche und die neuere Literatur eigenen Professoren zugewiesen wurden. Was die Englische Philologie betrifft, so haben ihre Vertreter es ebenso wie die Professoren der Deutschen Philologie mit der Geschichte\u00a0<i>nureiner<\/i>\u00a0Sprache und\u00a0<i>nureiner<\/i>\u00a0Literatur zu tun. Tats\u00e4chlich haben die Anglisten der deutschen Universit\u00e4ten bis in das zweite Drittel unseres Jahrhunderts in Lehre und Forschung meist gleichm\u00e4\u00dfig Sprachgeschichte und Literaturgeschichte betrieben. Aber es zeigte sich doch, da\u00df bei der fortgeschrittenen Entwicklung dieser F\u00e4cher k\u00fcnftig jeder nur noch eines der beiden Gebiete gr\u00fcndlich vertreten kann, so da\u00df heute praktisch bereits die gleiche Zweiteilung wie in der Deutschen Philologie vorgenommen ist, wenn dies auch in getrennten Bezeichnungen noch nicht zum Ausdruck kommt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In der Romanischen Philologie hat sich seit 1888 nichts Wesentliches ge\u00e4ndert. Es war schon damals klar, da\u00df ein einzelner Forscher und Lehrer sich nicht gleichm\u00e4\u00dfig um alle neun romanischen Sprachen und Literaturen k\u00fcmmern konnte. Im Vordergrund stand \u00fcberall das Franz\u00f6sische. Der franz\u00f6sischen Sprachgeschichte und der franz\u00f6sischen Literaturgeschichte wurden fortlaufend Vorlesungen gewidmet, die meist nach einem Zyklus von acht Semestern sich wiederholten. Bedenkt man, da\u00df die Normalvorlesung vierst\u00fcndig gehalten wurde und zu den beiden Vorlesungen aus Sprach- und Literaturgeschichte noch ein zweist\u00fcndiges Seminar hinzukam, so erweist sich, da\u00df die Belastung des Romanisten &#8211; wie \u00fcbrigens auch des Anglisten &#8211; mit zehn Wochenstunden nicht unerheblich war. Nun trug aber der Romanist in seiner Forschungs- und Lehrverpflichtung auch den Auftrag f\u00fcr die acht anderen romanischen Sprachen und Literaturen. Das Altprovenzalische wurde in der Regel gelegentlich im Rahmen des Altfranz\u00f6sischen behandelt. Aus den anderen romanischen Sprachen pflegte sich der Romanist eine oder zwei nach seiner Neigung auszuw\u00e4hlen und dar\u00fcber auch gelegentlich eine kleine Vorlesung zu halten. Wenige k\u00fcmmerten sich um das Rum\u00e4nische, noch weniger um das Katalanische, um das R\u00e4toromanische, um das Sardische, um das Neu-Provenzalische. Auch Sprache und Literatur Portugals oder gar Brasiliens wurden fast vernachl\u00e4ssigt. Eigentlich waren es nur das Italienische und das Spanische, die nicht ganz dem Lektor \u00fcberlassen blieben, sondern gelegentlich auch in einer Vorlesung des Ordinarius zu Wort kamen. Mein eigener Lehrer, Karl Vossler, pflegte sechs Stunden zu lesen. In einem Turnus von acht Semestern gab er zuerst eine vierst\u00fcndige sprachgeschichtliche Vorlesung, es folgten in den n\u00e4chsten Semestern vierst\u00fcndige Vorlesungen \u00fcber die franz\u00f6sische Literatur des Mittelalters und der folgenden Epochen, hinzu kam jeweils eine zweist\u00fcndige Seminar\u00fcbung. Nur als er in M\u00fcnchen an der zweiten Auflage seines Dante-Werkes arbeitete, als er seinen Leopardi und seinen Lope de Vega schrieb, las er zus\u00e4tzlich ein einst\u00fcndiges Publikum \u00fcber diese Dichter der italienischen und spanischen Literatur. F\u00fcr die linguistischen Vorlesungen des Franz\u00f6sischen hatte er sich damals Eugen Lerch zu Hilfe gerufen, w\u00e4hrend zugleich auch Leo Jordan der linguistischen Seite des Faches sein Augenmerk zuwandte.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es war also von Anfang an ein unbehaglicher Zustand, da\u00df der Romanist zwar f\u00fcr alle neun Sprachen und Literaturen bestallt war, aber nur einem Teil seines Faches sich in Lehre und Forschung widmen konnte. Dies findet bis heute auch in den Doktorpr\u00fcfungen seinen Ausdruck; pr\u00fcft der Anglist im Hauptfach, so stellt er Fragen aus seinem ganzen Fach, d.\u00a0h. aus Sprachgeschichte und Literaturgeschichte; pr\u00fcft der Romanist im Hauptfach, so stellt er in M\u00fcnchen Fragen aus einem Sechstel seines Fachgebietes, d.\u00a0h. aus Sprachgeschichte und Literaturgeschichte\u00a0<i>einer<\/i>\u00a0der neun Sprachen, sowie aus Sprachgeschichte oder Literaturgeschichte einer zweiten romanischen Sprache. Bei einer Pr\u00fcfung im Nebenfach ist das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis noch krasser.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es ist nun aber allgemein bekannt, wie sehr neben dem Franz\u00f6sischen auch andere romanische Sprachen heute in den Vordergrund ger\u00fcckt sind, besonders das Spanische, das Italienische und das Portugiesische. Dabei spielt vor allem die starke Entwicklung der s\u00fcd- und mittelamerikanischen Literatur und die wirtschaftliche Bedeutung Iberoamerikas eine gro\u00dfe Rolle. Was das Italienische anbetrifft, so wird man zugeben, da\u00df keine Literatur Europas der italienischen an formender Kraft gleichkommt. Man denke sich nur einmal aus den anderen Literaturen die italienischen Einfl\u00fcsse weg: den Humanismus und das Sonett, Dante, Petrarca, Boccaccio, Ariost, Tasso, &#8211; um nur einige Fanale zu nennen. Welche andere europ\u00e4ische Literatur hat so starke Ausstrahlungen aufzuweisen!<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Diesem Sachverhalt ist in den meisten L\u00e4ndern au\u00dferhalb Deutschlands und \u00d6sterreichs auch an den Universit\u00e4ten fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Rechnung getragen worden, indem man eigene Lehrst\u00fchle f\u00fcr italienische, spanische, portugiesische Literaturgeschichte errichtete. Es ist durchaus in der Ordnung, da\u00df an einer gro\u00dfen Universit\u00e4t Semester f\u00fcr Semester Ordinarien Vorlesungen \u00fcber chinesische, japanische, indische Sprache und Literatur, \u00fcber \u00c4gyptologie, \u00fcber Assyriologie abhalten. Aber ebenso wichtig erscheint es heute, da\u00df auch die italienische, die spanische, die portugiesische Sprache und Literatur durch einen Ordinarius Semester f\u00fcr Semester in Vorlesungen und \u00dcbungen angeboten wird. Es liegt auf der Hand, da\u00df dies ein Ordinarius f\u00fcr Romanische Philologie nicht alles bew\u00e4ltigen kann. Heute sind neben dem Franz\u00f6sischen auch das Italienische und das Spanische begehrte F\u00e4cher f\u00fcr das Staatsexamen. Die Studenten m\u00fcssen auch aus italienischer und spanischer Literaturgeschichte Vorlesungen h\u00f6ren und den Besuch entsprechender Seminar\u00fcbungen nachweisen. Es ist also heute dem Romanisten leider nicht mehr m\u00f6glich, in einem fortlaufenden Zyklus die Geschichte der franz\u00f6sischen Literatur zu behandeln, er mu\u00df sich auch der italienischen und der spanischen in seiner Lehrt\u00e4tigkeit zuwenden. Es sei mir gestattet, aus meiner eigenen, derzeitigen Lehrt\u00e4tigkeit das erl\u00e4uternde Beispiel zu nehmen: der Gegenstand meiner Hauptvorlesung war im vorigen Semester die Geschichte des franz\u00f6sischen Wortschatzes, im laufenden Semester franz\u00f6sische Literatur des 17. Jahrhunderts, im n\u00e4chsten Semester gedenke ich die italienische Literatur vor Dante, in den zwei folgenden Semestern die spanische Literatur des Goldenen Zeitalters und dann wieder ein Jahrhundert der franz\u00f6sischen Literaturgeschichte zu behandeln. Ebenso buntscheckig werden die je zwei Oberseminare jedes Semesters abwechseln m\u00fcssen, wozu noch ein portugiesisches Seminar kommen mu\u00df, das von einigen Studenten ben\u00f6tigt wird. Man achte nun auf die Kehrseite dieser Mannigfaltigkeit, d.\u00a0h. man f\u00fchre sich ins Bewu\u00dftsein, auf wieviel der Student des Franz\u00f6sischen, des Italienischen, des Spanischen, des Portugiesischen verzichten mu\u00df, so lange ein einzelner all diesen Aufgaben nachkommen soll! Man f\u00fchre sich des weiteren ins Bewu\u00dftsein, wieviele Sprachen und Literaturen meines Lehrauftrags in dieser Planung beim besten Willen unber\u00fccksichtigt bleiben!<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Mit Recht sind wir Deutsche stolz auf die Grundlagen, die Wilhelm von Humboldt f\u00fcr unsere Universit\u00e4t geschaffen hat. Andere V\u00f6lker haben sie von uns \u00fcbernommen und haben darauf systematisch weitergebaut. Wir Deutsche dagegen sind im stolzen Bewu\u00dftsein unseres Besitzes immer wieder in Gefahr, uns mit diesen Grundlagen zufrieden zu geben und darauf behaglich einzuschlafen. Wer, wie ich, Gelegenheit hatte, an Universit\u00e4ten Nord- und S\u00fcdamerikas, an Universit\u00e4ten der meisten europ\u00e4ischen L\u00e4nder, auch Sowjetru\u00dflands, Vorlesungen zu halten, der wird mir recht geben, wenn ich sage: Wir Deutsche haben schon lange keinen Grund mehr, auf unsere Universit\u00e4ten stolz zu sein. Was in unserem besonderen Falle die Ausbildung der Lehrer der H\u00f6heren Schulen f\u00fcr den Unterricht im Franz\u00f6sischen, Spanischen und Italienischen anbelangt, so stehen wir unmittelbar vor dem Bankrott. Hier darf der Hochschullehrer nicht schweigen, er wird bis zum Augenblick dieses Bankrotts nicht aufh\u00f6ren, seinen SOS-Ruf in alle deutschen Lande ergehen zu lassen, gegen alle Hoffnung hoffend, es k\u00f6nnte vielleicht doch noch der Bankrott verh\u00fctet werden. Dabei will er gar nicht auch daran erinnern, da\u00df es nicht nur um die Schule, sondern auch um die hohe Politik geht. Den Kalten Krieg gewinnt und verliert ja nicht der Soldat, sondern der Schulmeister, d.\u00a0h. dasjenige Volk, das am sorgf\u00e4ltigsten bzw. l\u00e4ssigsten sein Schulwesen pflegt &#8211; das\u00a0<i>ganze<\/i>\u00a0Schulwesen sage ich; und von den H\u00f6heren Schulen mu\u00df dann im Anschlu\u00df an die Universit\u00e4ten und vom Standpunkt des Hochschullehrers aus noch ein eigenes Klagelied gesungen werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der deutschen Universit\u00e4t im Hinblick auf die romanischen Sprachen m\u00f6ge nun durch ein paar Ziffern verdeutlicht werden. Ich vergleiche miteinander die Zust\u00e4nde an der gr\u00f6\u00dften Universit\u00e4t Frankreichs, der Sorbonne in Paris, und der gr\u00f6\u00dften Universit\u00e4t Deutschlands, M\u00fcnchen, mit jetzt mehr als 18\u00a0000 Studierenden (darunter mehr als 950 f\u00fcr Franz\u00f6sisch, etwa 120 f\u00fcr Spanisch, etwa 120 f\u00fcr Italienisch, kleinere Gruppen f\u00fcr andere romanische Sprachen). Die Universit\u00e4t M\u00fcnchen sollte den Ehrgeiz haben, die deutsche Sorbonne zu sein. Aber wie sieht es in Wirklichkeit aus! In der folgenden Gegen\u00fcberstellung handelt es sich f\u00fcr Paris und M\u00fcnchen um den Stand vom Januar 1960. Da\u00df die Sorbonne 12 Lehrst\u00fchle f\u00fcr franz\u00f6sische Literaturgeschichte und 3 Lehrst\u00fchle f\u00fcr franz\u00f6sische Sprachgeschichte besitzt, wird uns bei der Muttersprache nicht verwundern (ein Vergleich mit dem Zustand der deutschen Literaturgeschichte und der deutschen Sprachgeschichte an den\u00a0<i>deutschen<\/i>\u00a0Universit\u00e4ten geht uns Romanisten nichts an). Aber Paris hat 7 Lehrst\u00fchle f\u00fcr deutsche Literaturgeschichte, einen f\u00fcr deutsche Sprachgeschichte: M\u00fcnchen hat weder f\u00fcr franz\u00f6sische Literaturgeschichte noch f\u00fcr franz\u00f6sische Sprachgeschichte auch nur einen einzigen Lehrstuhl! M\u00fcnchen hat auch keinen Lehrstuhl f\u00fcr spanische Literaturgeschichte (Sorbonne: drei), auch keinen f\u00fcr italienische (Sorbonne: zwei), auch keinen f\u00fcr portugiesische (Sorbonne: einen), auch keinen f\u00fcr rum\u00e4nische (Sorbonne: einen), auch keinen f\u00fcr katalanische (Sorbonne: einen), auch keinen f\u00fcr provenzalische (Sorbonne: einen). Daf\u00fcr hat M\u00fcnchen zwei Lehrst\u00fchle f\u00fcr alle neun Sprachen und Literaturen zusammengenommen, und von diesen zwei Lehrst\u00fchlen ist der eine bereits seit 5 Semestern unbesetzt\u00a0\u2026 Wem bei der Lekt\u00fcre dieser Gegen\u00fcberstellung nicht die Haare zu Berge stehen, der mag unsere Schulen schlie\u00dfen und den Kalten Krieg bereits f\u00fcr verloren geben. Dabei habe ich mich jetzt nur auf das Wichtigste beschr\u00e4nkt, mir liegen aber noch mehr Zahlen vor. W\u00e4hrend z.\u00a0B. in M\u00fcnchen einer der beiden Lehrstuhlinhaber (sofern uns \u00fcberhaupt ein zweiter noch auf den Leim gehen sollte) von Zeit zu Zeit \u00fcber spanische Literaturgeschichte lesen kann, wobei der praktische Teil der Ausbildung durch zwei Lektoren geleistet werden soll, verf\u00fcgt die Sorbonne neben ihren drei Ordinarien f\u00fcr spanische Literaturgeschichte noch \u00fcber f\u00fcnf Lehrbeauftragte, vier Lektoren, drei Tutoren und acht Assistenten f\u00fcr Spanisch (im neuen Etat wurde soeben die Erh\u00f6hung der Zahl der Tutoren auf sechs, der Assistenten auf zwanzig beantragt.)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es ist leider nicht zu bestreiten, da\u00df an den r\u00fcckst\u00e4ndigen Verh\u00e4ltnissen in Deutschland auch die deutschen Romanisten eine gewisse Schuld tragen. Bisweilen zeigte sich eine Art von Uners\u00e4ttlichkeit, die nichts aus der Hand geben wollte, obwohl das Ererbte nicht mehr erworben und zum Besitz werden konnte. \u00abEs del hortelano el perro: ni come ni comer deja\u00bb. So manches Mal habe ich aus Kollegenmund den Satz geh\u00f6rt: \u00abMan hat es nirgends so sch\u00f6n, als wo man allein ist!\u00bb Aber es ist heute m\u00fc\u00dfig, \u00fcber Schuldfragen zu sprechen. Man hole vielmehr mit beherztem Zugreifen in Deutschland nach, was seit dem Ersten Weltkrieg vers\u00e4umt worden ist. So schmerzlich es in vielerlei Hinsicht sein mag: wir m\u00fcssen heute auch bei uns die sofortige Zerlegung des Faches \u00abRomanische Philologie\u00bb in sechs selbst\u00e4ndige F\u00e4cher fordern:<\/p>\n<p class=\"bodytext\">1.Romanische Sprachwissenschaft (hier erscheint eine Teilung nicht zweckvoll),<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2.Franz\u00f6sische Literaturgeschichte,<\/p>\n<p class=\"bodytext\">3.Italienische Literaturgeschichte,<\/p>\n<p class=\"bodytext\">4.Spanische Literaturgeschichte,<\/p>\n<p class=\"bodytext\">5.Portugiesische Literaturgeschichte,<\/p>\n<p class=\"bodytext\">6.Rum\u00e4nische Sprach- und Literaturwissenschaft (bleibt zweckm\u00e4\u00dfigerweise verbunden).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die kleineren Bereiche, das Katalanische, das Provenzalische, das R\u00e4toromanische, das Sardische, ferner die Literaturen Lateinamerikas, w\u00e4ren einstweilen dem jeweils n\u00e4chststehenden der sechs Ordinariate zuzuweisen. Da\u00df auch f\u00fcr das Rum\u00e4nische ein Ordinariat verlangt wird, obwohl die Literatur dieser Sprache im Vergleich zu den anderen romanischen Literaturen wesentlich j\u00fcnger ist, ergibt sich aus der Tatsache, da\u00df der Vertreter dieses Faches auch die Sprachen und Literaturen der Nachbarv\u00f6lker Rum\u00e4niens kennen mu\u00df, so da\u00df auch dieses Fach ein ger\u00fctteltes Ma\u00df an Verpflichtungen in sich schlie\u00dft. Die Aufteilung in sechs Lehrst\u00fchle ist unter dem Gesichtspunkt des\u00a0<i>Faches<\/i>\u00a0getroffen. Unter dem Gesichtspunkt der\u00a0<i>Studentenzahl<\/i>\u00a0w\u00e4ren einzelne dieser Lehrst\u00fchle noch zu verdoppeln: nach dem derzeitigen Stand der Lehrstuhl f\u00fcr Romanische Sprachwissenschaft und f\u00fcr franz\u00f6sische Literaturgeschichte, sp\u00e4ter auch der Lehrstuhl f\u00fcr spanische Literaturgeschichte (was \u00fcbrigens im Hinblick auf Lateinamerika auch schon vom Fach aus geboten sein wird).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ich bin mir bewu\u00dft, da\u00df meinen Ausf\u00fchrungen zwar die meisten, aber nicht alle Romanisten der deutschen Universit\u00e4ten zustimmen. Es bedarf daher noch eines kurzen Wortes, um deren Einw\u00e4nde zu entkr\u00e4ften. Auf meinen Vorschlag schreibt mir einer meiner Kollegen: \u00abSie werden doch unser sch\u00f6nes Fach nicht zerrei\u00dfen wollen! Ist es nicht herrlich, da\u00df gerade wir Romanisten jedes Semester \u00fcber eine andere Literatur lesen d\u00fcrfen? Ich m\u00f6chte darauf nie verzichten!\u00bb Was ist dazu zu sagen? Ganz gewi\u00df w\u00fcrde es ein Verzicht sein; f\u00fcr wen es ein Verzicht nicht w\u00e4re und wer unter diesem Verzicht nicht litte, der m\u00fc\u00dfte wohl kein rechter Romanist sein. Aber kommt es denn auf\u00a0<i>uns<\/i>\u00a0und unser Behagen an? Wir sollten diese Frage ausschlie\u00dflich unter dem Gesichtspunkt der Forschung und der Bed\u00fcrfnisse der Studenten betrachten. Als Forscher wird der deutsche Italianist, Hispanist usw. erst dann wieder konkurrenzf\u00e4hig werden, wenn er das Recht hat, sich auf die eine Literatur zu beschr\u00e4nken (wir wollen ja nicht so weit gehen wie Frankreich, wo man eigene \u00abseizi\u00e8mistes\u00bb hat). Und die Studenten haben das Recht, von einem Ordinarius unterrichtet zu werden, der ihnen Semester f\u00fcr Semester aus ihrem Fachgebiet Vorlesungen h\u00e4lt. \u00abAber\u00bb, so wendet man ein, \u00abgerade um der Forschung willen bin ich gegen die Zerteilung. War es nicht bisher ein ganz gro\u00dfer Vorzug, da\u00df der Romanist, im Gegensatz zu der Enge des Germanisten und des Anglisten, ein so weites Forschungsgebiet hatte, das sich vom Pazifischen Ozean bis zum Schwarzen Meer erstreckt?\u00bb Wer wollte dem Romanisten diese Weite k\u00fcnftig nehmen! Es steht ihm nach wie vor frei, nach Belieben in seinen Ver\u00f6ffentlichungen sich in den verschiedenen romanischen Sprachen und Literaturen zu tummeln. Aber nur ein Teilgebiet soll k\u00fcnftig das Gebiet seiner\u00a0<i>Verpflichtung<\/i>sein, alles andere bleibt ihm freigestellt. Denken wir nie an uns, sondern nur an unsere Studenten und an die Vertiefung unserer Forschung, ohne dabei aber die Weite des Blickes zu verlieren!<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Da h\u00f6re ich einen letzten Einwand: \u00abWoher sollen wir die Ordinarien f\u00fcr all diese neuen Lehrst\u00fchle nehmen?\u00bb Darauf sage ich zun\u00e4chst: Diese Lehrst\u00fchle m\u00fcssen geschaffen werden, auch wenn sie teilweise noch nicht besetzt werden k\u00f6nnten! F\u00fcr die akademische Jugend wird es ein gro\u00dfer Ansporn sein, wenn sie sich f\u00fcr jene Einzelf\u00e4cher habilitieren kann. Da\u00df sie dabei nicht eng und einseitig wird, das wird gl\u00fccklicherweise durch das Verfahren unserer Habilitationskolloquien verh\u00fctet werden k\u00f6nnen. Ein weiteres Reservoir f\u00fcr die akademische Lehrerschaft ist heute leider fast v\u00f6llig versiegt. Es kam fr\u00fcher immer wieder vor, da\u00df Philologen, die oft im Lehrk\u00f6rper der H\u00f6heren Schulen t\u00e4tig waren, ohne Habilitation auf Universit\u00e4tslehrst\u00fchle berufen wurden. Gl\u00e4nzende Namen der deutschen Wissenschaft w\u00e4ren hier zu nennen, wie der Byzantinist August Heisenberg, der Arch\u00e4ologe Ernst Buschor, der Historiker Franz Schnabel und viele andere. Aber warum soll dieses Reservoir heute versiegt sein? Weil die Lehrer der H\u00f6heren Schule in sch\u00e4ndlicher Weise \u00fcberlastet sind und \u00fcberfordert werden. Bei einer Pflichtstundenzahl von 24 Wochenstunden ist es schlechterdings nicht mehr m\u00f6glich, wissenschaftliche B\u00fccher zu lesen, die Zeitschriften zu verfolgen oder gar wissenschaflich zu produzieren. Fr\u00fcher hatte bei uns der Lehrer der H\u00f6heren Schule 18 Wochenstunden zu geben. In Frankreich darf er nicht mehr als 12 Stunden geben, damit er in best\u00e4ndiger F\u00fchlung mit der Wissenschaft sein kann! Gerade unter diesem Gesichtspunkt leidet die Universit\u00e4t schwer an der Belastung ihrer Kollegen von der H\u00f6heren Schule. Man mache sich einmal die M\u00fche und das Vergn\u00fcgen und sehe sich in einer der alten Gymnasialbibliotheken, soweit sie erhalten geblieben sind, die stattliche Sammlung der \u00abProgramme\u00bb an! Unsere jungen Kollegen wissen kaum mehr, was ein \u00abProgramm\u00bb eigentlich ist. Es ist die bibliothekstechnische Bezeichnung der \u00abwissenschaftlichen Beilagen\u00bb zum Jahresbericht der H\u00f6heren Schulen Deutschlands. Bis zum Jahre 1918 hat jede H\u00f6here Schule Deutschlands allj\u00e4hrlich ein solches \u00abProgramm\u00bb hervorgebracht, wissenschaftliche Arbeiten, bald aus Geschichte, bald aus klassischer, bald aus moderner Philologie oder aus Mathematik oder aus Physik usw., Arbeiten, die vielfach den Rang einer Dissertation hatten, nicht selten auch gleichzeitig als solche ben\u00fctzt wurden. Zu Beginn des Schuljahres meldete sich einer der Lehrer, der etwas in Arbeit hatte, und \u00fcbernahm das Programm. Sein Pflichtstundenma\u00df wurde dann noch eigens verringert, nach einem halben Jahr legte er das Manuskript vor, das dann auf Staatskosten gedruckt und dem Jahresbericht beigef\u00fcgt wurde. Wie stolz waren wir als Sch\u00fcler, wenn einer unserer Lehrer das Programm geschrieben hatte, das wir uns sofort kauften, auch wenn wir von den geheimnisvollen mathematischen Kurven, die es enthielt, nicht das Geringste zum Verst\u00e4ndnis bringen konnten! All diese h\u00f6chst verdienstliche wissenschaftliche Arbeit, diese fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Universit\u00e4t und H\u00f6herer Schule, unterbleibt seit 1918. Das Band zwischen Schule und Universit\u00e4t, das gerade in Deutschland so segensreich war, ist endg\u00fcltig zerrissen. Wer es wieder kn\u00fcpfen wollte, der m\u00fc\u00dfte das Pflichtstundenma\u00df der Lehrer an den H\u00f6heren Schulen wieder auf 18 beschr\u00e4nken. \u00abVideant consules!\u00bb, so ruft hier der Hochschullehrer den Ministerialreferenten f\u00fcr das H\u00f6here Schulwesen Deutschlands zu. Deutschlands Wissenschaft ist verarmt, wir brauchen wieder die Zusammenarbeit von H\u00f6herer Schule und Hochschule. Es ist h\u00f6chste Zeit, denn, um es noch einmal zu sagen, den Kalten Krieg gewinnt und verliert nicht der Soldat, sondern der Schulmeister!<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es ist auch h\u00f6chste Zeit, weil die Geduld der Studenten allm\u00e4hlich zu Ende geht: sie wissen, da\u00df ihnen unter den bestehenden Verh\u00e4ltnissen die rechte Ausbildung und Vorbereitung f\u00fcr Examen und Beruf nicht mehr gew\u00e4hrleistet wird. Denn wie im Wissenschaftlichen, so liegt auch im Praktischen das Studium des Franz\u00f6sischen, des Italienischen und des Spanischen &#8211; um nur die drei gro\u00dfen Pr\u00fcfungsf\u00e4cher zu nennen &#8211; sehr im argen. Wie sollen in M\u00fcnchen 950 Studierende der franz\u00f6sischen Philologie von einem einzigen Lektor franz\u00f6sischer Muttersprache noch sinnvoll zu Konversation, zu Aufs\u00e4tzen, zu \u00dcbersetzungen herangezogen werden k\u00f6nnen! Die Universit\u00e4t M\u00fcnchen verf\u00fcgt \u00fcber eine einzige Planstelle f\u00fcr ein solches Lektorat! Sollen wir uns dann wundern, wenn Kandidaten im Staatsexamen ein nur mittelschweres Diktat von anderthalb Seiten mit bis zu 65 Fehlern ausstatten und keine einzige fehlerlose Arbeit dabei ist? Oder was soll man dazu sagen, wenn eine Examenskandidatin in ihrem franz\u00f6sischen Aufsatz, in dem sie ihre ersten Frankreicherlebnisse schildern soll, harmlos und bieder den Satz niederschreibt: \u00abMadame Lebrun m&#8217;a con\u00e7u avec beaucoup de plaisir\u00bb! Wenn k\u00fcnftig einmal einer ihrer Sch\u00fcler &#8211; denn sie ist trotzdem noch durchgekommen &#8211; diesen Satz niederschriebe, sie w\u00fcrde die drei schweren Fehler gar nicht bemerken. Allerdings kann auf diese Weise der Notendurchschnitt der H\u00f6heren Schulen sich wieder heben! M\u00f6gen alle Verantwortlichen sofort zugreifen! Es w\u00e4re l\u00e4cherlich, \u00abdie n\u00e4chsten Haushaltsverhandlungen\u00bb abwarten zu wollen. Nein, hier mu\u00df sofort gehandelt werden. Geht auch nur eine einzige Woche verloren, so kann daraus ein nicht wiedergutzumachender Schaden f\u00fcr unser Schul- und Bildungswesen entstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Rheinfelder (\u2020, M\u00fcnchen) Vom Notstand der Romanischen Philologie [1960] Die deutschen Universit\u00e4ten haben Lehrst\u00fchle f\u00fcr Deutsche Philologie; an den H\u00f6heren Schulen Deutschlands gibt es Deutsch-Unterricht. Die Universit\u00e4ten haben Lehrst\u00fchle f\u00fcr Englische Philologie; an den H\u00f6heren Schulen gibt es Englisch-Unterricht.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/was-ist-lusitanistik\/wissenschaftsgeschichte\/notstand\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":64,"menu_order":3,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-195","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/195","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=195"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/195\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":196,"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/195\/revisions\/196"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/64"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=195"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}