{"id":53,"date":"2017-11-18T18:12:07","date_gmt":"2017-11-18T17:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/romanistisches-kolloquium.de\/dlv\/?page_id=53"},"modified":"2017-11-20T19:21:11","modified_gmt":"2017-11-20T18:21:11","slug":"brasilianistik","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/was-ist-lusitanistik\/brasilianistik\/","title":{"rendered":"Brasilianistik"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\">Dietrich Briesemeister (Jena)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<h1><b>Die Brasilienstudien in Deutschland<\/b><\/h1>\n<p class=\"bodytext\">\n<p class=\"bodytext\">Die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Brasilien, die Kenntnis brasilianischer Kultur und die Verbreitung brasilianischer Literatur in den deutschsprachigen L\u00e4ndern sind ein getreuer Spiegel der Beziehungen zwischen Europa und Brasilien. Seit dem fr\u00fchen 19. Jahrhundert zog Brasilien fast ausschlie\u00dflich Auswanderer und Naturforscher an; es erschien als Paradies f\u00fcr Geologen, Geographen, Mineralogen, Botaniker, Zoologen und Ethnologen. Andererseits geriet Brasiliens Kultur, das hei\u00dft mit den Worten von Stefan Zweig, \u00abder ganz individuelle Anteil Brasiliens an der Weltkultur\u00bb, erst allm\u00e4hlich und bruchst\u00fcckhaft mit gro\u00dfen zeitlichen Verschiebungen und manchen Zuf\u00e4lligkeiten in den Blick. So entstand hierzulande ein folgenschweres Ungleichgewicht in der Wahrnehmung und im Bild von Brasilien, das sich bis in die j\u00fcngste Zeit hinein auswirkt, und zwar nicht nur im allgemeinen Bildungsbewu\u00dftsein, sondern auch im Bereich der Geisteswissenschaften, etwa in Geschichtswissenschaft oder Romanischer Philologie. Eurozentrische Wertma\u00dfst\u00e4be, Vorurteile und Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse haben blinde Flecke und Verzerrungen hinterlassen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sprachkenntnis und -unterricht<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u00abIn Deutschland ist die portugiesische Sprache in den gebildeten Kreisen fast so unbekannt wie die persische und das Sanskrit\u00bb, bemerkte der ber\u00fchmte Schweizer Naturforscher Johann Jakob von Tschudi nach mehreren Aufenthalten in Brasilien zwischen 1838 und 1861. In j\u00fcngerer Zeit stellte der \u00dcbersetzer Curt Meyer-Clason einen drastischen Vergleich an, indem er sagte, das Portugiesische sei das Chinesische Europas. Beide Zitate beklagen im Abstand von einem Jahrhundert die Randst\u00e4ndigkeit des Portugiesischen im geistigen Haushalt Mitteleuropas. Trotz des hohen und auch weiterhin wachsenden Anteils portugiesischsprachiger L\u00e4nder in vier Kontinenten an der Weltbev\u00f6lkerung &#8211; mit sch\u00e4tzungsweise 200 Millionen Menschen an der Wende zum 21. Jahrhundert<a href=\"http:\/\/www.brasilianistik.de\/STUDIEN\/studien.htm#N_1_\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><sup>\u00a0(1)<\/sup><\/a>\u00a0&#8211; bleibt der Unterricht der portugiesischen Sprache an den h\u00f6heren Schulen und Universit\u00e4ten Deutschlands beklagenswert eingeschr\u00e4nkt. Das Portugiesische steht mit dem Spanischen als \u00abdritte Sprache\u00bb in Konkurrenz und belegt in der Zahl der Sch\u00fcler und Studierenden nur einen abgeschlagenen Platz hinter Englisch, Franz\u00f6sisch und Spanisch. Es gibt allerdings eine Reihe von ermutigenden und vorbildlichen Beispielen f\u00fcr die F\u00f6rderung des Portugiesischen, wie beispielsweise die Europa-Schule in Berlin mit einem zweisprachigen Unterrichtsprogramm ab dem Kindergarten, einige Gymnasien sowie die Volkshochschulen mit ihrem Angebot an portugiesischen (brasilianischen) Sprachkursen f\u00fcr die Erwachsenenweiterbildung. Hier ist die Nachfrage auch als Indiz f\u00fcr die L\u00fccke im fremdsprachlichen Programm der Sekundarstufe zu werten. Das Dilemma der institutionellen Unterst\u00fctzung und Absicherung setzt sich im universit\u00e4ren Bereich fort. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Hochschulen, an denen die Studierenden die M\u00f6glichkeit haben, Sprachkurse f\u00fcr die europ\u00e4ische Variante des Portugiesischen zu belegen, jedoch ist die Zahl sowohl der Lektorate f\u00fcr das brasilianische Portugiesisch als auch der Professuren f\u00fcr portugiesische und\/oder brasilianische Literatur zu gering. Die Bezeichnung \u00abLusitanistik\u00bb f\u00fcr das wissenschaftliche Fach, welches \u00abPortugalistik\u00bb, Brasilianistik, Afrolusitanistik, Kreolistik und Galicistik jeweils auf den Gebieten der Sprach- und Literaturwissenschaft in gleicher Weise umfa\u00dft, ist zudem nicht frei von Mi\u00dfverst\u00e4ndnissen. \u00abLusitania\u00bb hie\u00df die r\u00f6mische Provinz auf der Iberischen Halbinsel in der Antike, und im sp\u00e4teren humanistisch-gelehrten Sprachgebrauch wird \u00abLusitania\u00bb synonym f\u00fcr Portugal, mittel- und neulateinisch auch \u00abPortugallia\u00bb genannt, gebraucht, wenngleich die alten Lusitanier nichts mit den Portugiesen zu tun haben. Der Fachausdruck \u00abLusitanistik\u00bb bezeichnet heute aber eben nicht nur Studien \u00fcber die Sprache, Literatur und Kultur Portugals, sondern erstreckt sich auch auf andere von Portugal unabh\u00e4ngige L\u00e4nder wie Brasilien, Angola oder Mosambik, in denen portugiesisch gesprochen wird und wo sich l\u00e4ngst eigenst\u00e4ndige Literaturen, Kulturen, teilweise (in Afrika und Asien) auch eigenst\u00e4ndige, auf dem Portugiesischen basierende Kreolsprachen entwickelt haben. Angesichts der an den Universit\u00e4ten noch herrschenden Verh\u00e4ltnisse erscheint es derzeit unm\u00f6glich, die Forderung nach einer angemessenen wissenschaftlichen Differenzierung (\u00abPortugalistik\u00bb, Brasilianistik, Afrolusitanistik, portugiesisch basierte Kreolistik, Galicistik) mit den Bedingungen des praktischen Spracherwerbs in einer \u00abNichtschulsprache\u00bb, mit den gegebenen Strukturen der Institutionen und ihrer personellen und finanziellen Ausstattung sowie den historischen, kulturellen und sprachlichen Beziehungen zwischen den L\u00e4ndern portugiesischer Zunge in Einklang zu bringen. Es kann immerhin schon als Fortschritt angesehen werden, da\u00df auf den Titelseiten der (nicht allzu zahlreichen) \u00dcbersetzungen neuerdings der Vermerk erscheint \u00ab\u00fcbersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch\u00bb, ein Beweis f\u00fcr das wachsende Bewu\u00dftsein der Unterschiede und Selbst\u00e4ndigkeit. Die Spezialisierung ist vordringlich und unaufhaltsam, um sich im internationalen Wettbewerb den wissenschaftlichen Anspr\u00fcchen gem\u00e4\u00df behaupten zu k\u00f6nnen und die Studierenden im Blick auf k\u00fcnftige berufliche Bet\u00e4tigungsfelder an neue Erfordernisse heranzuf\u00fchren.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die institutionelle Entwicklung der Lusitanistik und in ihrem Rahmen insbesondere auch der Brasilianistik (ein immer h\u00e4ufiger verwandter Terminus zur genaueren Bezeichnung des Gegenstandes wissenschaftlicher Erforschung) nahm einen \u00fcberraschenden Verlauf. Zum einen ist der nicht zu \u00fcbersehende Aufschwung der Studien zu Sprache, Literaturen und Kulturen der L\u00e4nder portugiesischer Zunge nur unter dem Schutz der \u00fcbergreifenden traditionellen Organisationsform und im F\u00e4cherverbund der Romanistik (Romanischer Philologie) m\u00f6glich gewesen. Eine bezeichnende Ausnahmestellung nimmt der ber\u00fchmte Wiener Romanist und Bibliothekar Ferdinand Wolf (1796-1866) ein. Er ist der einzige aus der Gr\u00fcnderzeit der Romanischen Philologie in der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, der erkannte, da\u00df es in Brasilien eine eigenst\u00e4ndige literarische Entwicklung gibt. Er verteidigte seine Auffassung in einem f\u00fcr die\u00a0<i>R\u00e9publique des lettres<\/i>\u00a0auf franz\u00f6sisch geschriebenen und dem Kaiser von Brasilien gewidmeten Werk\u00a0<i>Le Br\u00e9sil litt\u00e9raire<\/i>(Berlin 1863). Nach dem\u00a0<i>R\u00e9sum\u00e9 de l&#8217;histoire litt\u00e9raire du Portugal et du Br\u00e9sil<\/i>\u00a0(Paris 1826) von Ferdinand Denis ist es die erste umfassende, mit einer Anthologie verbundene Darstellung der literarischen Entwicklung in Brasilien bis in die damalige Gegenwart. Das Buch setzt sich zum Ziel, \u00abfaire appr\u00e9cier en Europe la belle litt\u00e9rature du Br\u00e9sil\u00bb, die inmitten des riesigen Erkenntnisfortschritts auf anderen Wissensgebieten eine\u00a0<i>terra incognita<\/i>\u00a0geblieben sei. Wolf verteidigte entschieden die Eigenst\u00e4ndigkeit der brasilianischen Literatur, \u00abmalgr\u00e9 sa d\u00e9pendance des lettres europ\u00e9ennes\u00bb und stellte sich damit gegen diejenigen, die &#8211; zumal im \u00abMutterland\u00bb Portugal &#8211; die brasilianische Literatur lediglich als \u00abunbedeutenden Wurmfortsatz\u00bb (\u00abappendice exigu\u00bb) der portugiesischen oder als blo\u00dfen Abklatsch der europ\u00e4ischen Literatur betrachteten. \u00abC&#8217;est \u00e0 bon droit qu&#8217;on peut parler maintenant d&#8217;une litt\u00e9rature br\u00e9silienne\u00bb, der man nicht mehr ihren Platz im \u00abensemble des litt\u00e9ratures du monde civilis\u00e9\u00bb absprechen k\u00f6nne: ein ebenso mutiges wie klarsichtiges Wort genau zu der Zeit, als ein Machado de Assis auf die literarische B\u00fchne des Landes trat. Dennoch mu\u00dfte Stefan Zweig noch (oder wiederum?) achtzig Jahre sp\u00e4ter feststellen: \u00abMit der ganzen Ungeduld, wie sie nur lang zur\u00fcckgehaltene Nationen haben, dringt die brasilianische Literatur in die Weltliteratur vor.\u00bb Wolfs bahnbrechende Auffassung hatte sichtlich die Erforschung, Bewertung und Verbreitung brasilianischer Literatur in Deutschland nicht weiter anzuregen vermocht, obwohl doch die \u00abjunge Literatur des Kaiserreichs zu den besten Hoffnungen\u00bb berechtige, wie Otto von Leixner 1883 verk\u00fcndete. Hier wird wohl erstmals auch der Literatur das dynamische Prinzip Hoffnung zugestanden: Literatur der Zukunft oder mit Zukunft. \u00abEine Literatur erringt Weltgeltung\u00bb, betitelt sp\u00e4ter der Reiseschriftsteller Gustav Faber ein Kapitel seines Buches\u00a0<i>Brasilien als Weltmacht von morgen<\/i>(T\u00fcbingen 1970) und kn\u00fcpft damit wieder an Stefan Zweigs Einsicht drei\u00dfig Jahre zuvor an. Im Vergleich zur fortschrittlichen Leistung des Philologen Wolf ist der Ertrag der kulturwissenschaftlichen Forschung \u00fcber Brasilien in Deutschland in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts bis in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg schmal. Trotz des zunehmenden deutschen Interesses an Brasilien, das sich in einer Vielzahl von Ver\u00f6ffentlichungen und neuen Vereinigungen niederschl\u00e4gt, bleibt der Bereich der Kultur bei diesen Ann\u00e4herungsversuchen ausgespart. Die Hinwendung zu Lateinamerika beschr\u00e4nkt sich auf die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen. Dennoch wird die Notwendigkeit der regionalwissenschaftlichen Forschung und damit deren fachlich spezialisierte Aufgliederung immer dringlicher. Das zwischen 1912 und 1924 mehrfach aufgelegte Buch von Heinrich Sch\u00fcler\u00a0<i>Brasilien: Land der Zukunft<\/i>\u00a0belegt diese Tendenz ebenso wie die Errichtung eines Lateinamerika-Instituts in Aachen 1912.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Als ein Jahr nach Begr\u00fcndung des Ibero-Amerika Vereins in Hamburg das Iberoamerika-Institut in die neue Universit\u00e4t der Stadt eingegliedert wurde (1918), nahmen die Brasilienstudien &#8211; \u00abBrasilienkunde\u00bb in der damaligen Terminologie &#8211; mit Wilhelm Giese und der Zeitschrift\u00a0<i>Ib\u00e9rica<\/i>\u00a0in der Besch\u00e4ftigung mit Sprache, Literatur und traditioneller Volkskultur einen ersten Aufschwung. Allerdings kommt in der Gedenkschrift zur Jahrhundertfeier der Unabh\u00e4ngigkeit Brasiliens\u00a0<i>O Brasil e a Alemanha 1822-1922: um livro dedicado \u00e0s boas rela\u00e7\u00f5es entre os dois paizes<\/i>(Berlin 1923) die Literatur \u00fcberhaupt nicht vor. In dem Buch von Max Leopold Wagner\u00a0<i>Die spanisch-amerikanische Literatur in ihren Hauptstr\u00f6mungen<\/i>(Leipzig; Berlin 1924) &#8211; der ersten Darstellung zur s\u00fcdamerikanischen Literaturgeschichte \u00fcberhaupt aus der Feder eines bekannten romanistischen Sprachwissenschaftlers sechzig Jahre nach Wolf &#8211; bleibt wiederum die brasilianische unber\u00fccksichtigt. Noch in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist von Lateinamerika vielfach nur im Sinn von Spanischamerika (Hispanoamerika) die Rede. Der von Michi Strausfeld herausgegebene Sammelband\u00a0<i>Materialien zur lateinamerikanischen Literatur<\/i>\u00a0(1976) beispielsweise enth\u00e4lt ausschlie\u00dflich Beitr\u00e4ge \u00fcber spanischsprachige Schriftsteller.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der lange Weg der Institutionalisierung<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Als 1936 das Institut f\u00fcr Portugal und Brasilienstudien an der Universit\u00e4t Berlin eingerichtet wurde, erfolgte die Besch\u00e4ftigung mit beiden L\u00e4ndern gem\u00e4\u00df der ideologischen Ausrichtung ihrer seinerzeitigen Regierungen ganz im Sinne des Nationalsozialismus. Zwei der fr\u00fchesten Dissertationen in Deutschland \u00fcber ein brasilianisches Thema behandeln Pl\u00ednio Salgado und den Integralismo. Nach 1945 waren infolge von Emigration und Isolierung ganze Disziplinen aus der deutschen Universit\u00e4t verschwunden (Soziologie, Politikwissenschaft, Zeitgeschichte, Wirtschaftstheorie, Psychoanalyse). Aber auch schon vorher pr\u00e4gte die Mentalit\u00e4t der Wilhelminischen Zeit mit ihren Kolonialinteressen zwischen 1871 und 1918 die Besch\u00e4ftigung mit Brasilien, wie etwa schon der Titel des Buches von Moritz Lamberg,\u00a0<i>Brasilien: Land und Leute in ethischer, politischer und volkswirtschaftlicher Beziehung und Entwicklung<\/i>\u00a0(Leipzig 1899) zeigt. Seinerzeit galt Brasilien als ungesittete Republik mit korrupten und dekadenten Verh\u00e4ltnissen. Als Abk\u00f6mmling einer verweichlichten und degenerierten Rasse erwiesen sich die Brasilianer unf\u00e4hig, die Reicht\u00fcmer ihres Landes aus eigener Kraft zu nutzen. Der Konsul Heinrich Sch\u00fcler, der in Aachen 1912 das erste deutsche Lateinamerika-Institut ins Leben gerufen hatte, bezieht sich offen auf die kolonialpolitischen Expansionsbestrebungen im Reich und greift im Titel seines Buches\u00a0<i>Brasilien: Land der Zukunft<\/i>\u00a0(1916) eine vielverhei\u00dfende und seither oft wiederholte Formel auf, die letztlich auf Hegels Diktum zur\u00fcckgeht, Amerika sei ein junger Kontinent ohne Geschichte, der erst k\u00fcnftig Bedeutung erlangen werde. Das 1930 von der preu\u00dfischen Regierung gegr\u00fcndete Ibero-Amerikanische Institut in Berlin ist nach den erbitterten Auseinandersetzungen um die Gr\u00fcndung einer Auslandshochschule in der Weltkriegszeit ausdr\u00fccklich nicht der Universit\u00e4t angegliedert worden, sondern sollte landesweit als Informations- und Dokumentationszentrum f\u00fcr Lateinamerika, Spanien und Portugal wirken. Auch dieses Institut geriet nach der Machtergreifung in das politische Fahrwasser der Hitlerzeit. Es beherbergte eine Warenmustersammlung, die der Vertiefung der Handelsbeziehungen mit Brasilien dienen sollte. Von den vor dem Zweiten Weltkrieg eingerichteten Forschungseinrichtungen bestehen heute noch drei: das Iberoamerikanische Forschungsinstitut der Universit\u00e4t Hamburg, das Ibero-Amerikanische Institut Preu\u00dfischer Kulturbesitz Berlin sowie das Portugal- und Brasilienzentrum an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln. Daneben entstanden neue Zentren, wie das vom Franziskanerorden unterhaltene Institut f\u00fcr Brasilienkunde in Mettingen, das Geographische Institut der Universit\u00e4t T\u00fcbingen mit seinem unter Leitung von Gerd Kohlhepp aufgebauten Brasilienschwerpunkt, das Lateinamerikazentrum der Universit\u00e4t M\u00fcnster oder das Zentrum Portugiesischsprachige Welt an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das vor fast drei\u00dfig Jahren als erstes interdisziplin\u00e4res Forschungszentrum errichtete Lateinamerika-Institut der Freien Universit\u00e4t Berlin erhielt jedoch erst 1997 eine Professur (C3) ausschlie\u00dflich f\u00fcr brasilianische Kultur und Literatur. Es ist bezeichnend f\u00fcr die Verfassung der Brasilienstudien an deutschen Universit\u00e4ten, da\u00df es eine ganze Reihe renommierter Spezialisten vor allem f\u00fcr Ethnologie, Wirtschafts- und Politikwissenschaften, Soziologie, Geographie gibt, die sich jedoch an ihrem Institut oder in ihrem Fach nicht ausschlie\u00dflich Brasilien widmen. Deshalb kommt es auch zu bedauerlichen L\u00fccken: Manche F\u00e4cher, wie Geschichte, Kunst- und Musikwissenschaft, Philosophie werden \u00fcberhaupt nicht oder nur sporadisch vertreten. Sprach- und Literaturwissenschaft sind im Vergleich dazu verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stark repr\u00e4sentiert. Die deutschen Brasilianisten verf\u00fcgen \u00fcber keinen alleine auf Brasilien spezialisierten wissenschaftlichen, berufsst\u00e4ndischen Verband, sind aber, soweit sie Sprach- und Literaturwissenschaft betreiben, im Deutschen Lusitanistenverband organisiert. F\u00fcr die Vertreter anderer Disziplinen gibt es die vor drei\u00dfig Jahren gebildete \u00abArbeitsgemeinschaft Deutsche Lateinamerikaforschung\u00bb (ADLAF), die sowohl Institutionen als auch einzelne Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen vereint. Der verst\u00e4ndliche Wunsch, innerhalb der ADLAF die Besch\u00e4ftigung mit Brasilien fach\u00fcbergreifend zusammenzufassen und zu f\u00f6rdern, f\u00fchrte zur Gr\u00fcndung einer Arbeitsgruppe, die bereits einige Brasilien-Tagungen durchgef\u00fchrt hat. Ferner besteht schon seit l\u00e4ngerem eine Deutsch-Brasilianische Juristenvereinigung, die eine rechtswissenschaftliche Buchreihe herausgibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Neben den wissenschaftlichen Einrichtungen ist die vor fast drei\u00dfig Jahren von Hermann G\u00f6rgen gegr\u00fcndete Deutsch-Brasilianische Gesellschaft zu erw\u00e4hnen, welche die\u00a0<i>Deutsch-Brasilianischen Hefte<\/i>\u00a0(heute unter dem Titel\u00a0<i>T\u00f3picos: revista de economia, pol\u00edtica e cultura<\/i>) ver\u00f6ffentlicht. Seit 1995 besteht in Berlin ein Brasilianisches Kulturinstitut in Deutschland (ICBRA).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Zeitschriften gibt es keine ausschlie\u00dflich Brasilien gewidmete Publikation, vielmehr werden brasilianische Themen immer in gr\u00f6\u00dferen fach- oder regionalwissenschaftlichen Zusammenh\u00e4ngen behandelt, etwa in\u00a0<i>Iberoromania: Zeitschrift f\u00fcr die iberoromanischen Sprachen und Literaturen in Europa und Amerika<\/i>\u00a0(seit 1969),\u00a0<i>Iberoamericana<\/i>,\u00a0<i>Lusorama: Zeitschrift f\u00fcr Lusitanistik<\/i>oder\u00a0<i>Afrika, Asien, Brasilien, Portugal: Zeitschrift zur portugiesischsprachigen Welt (ABP)<\/i>.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es ist im Rahmen dieses \u00dcberblicks nicht m\u00f6glich, den Stand aller Disziplinen vorzustellen, die sich intensiv mit der Erforschung Brasiliens befassen, wie etwa V\u00f6lkerkunde, Geographie und Naturwissenschaften. Auf dem Gebiet der Kulturwissenschaften nehmen die Forschungen zur Sprache und Literatur Brasiliens einen breiten Raum ein, wenngleich die Zahl der auf diesem Gebiet regelm\u00e4\u00dfig t\u00e4tigen Wissenschaftler noch immer verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig klein ist. Es bestehen an Deutschlands Universit\u00e4ten insgesamt nur drei Professuren, die ausschlie\u00dflich der Sprache, Literatur und Kultur Brasiliens gewidmet sind, sowie einige Lektorate f\u00fcr das brasilianische Portugiesisch. Aus den schon erw\u00e4hnten Gr\u00fcnden gibt es nur wenige \u00abreine\u00bb Brasilianisten. Der Deutsche Lusitanistenverband z\u00e4hlt etwas mehr als 200 Mitglieder mit der Einschr\u00e4nkung, da\u00df zwar ein Gro\u00dfteil, aber nicht alle derjenigen, die sich der brasilianischen Literatur, Sprache oder Kultur widmen, Mitglieder sind, und da\u00df nicht alle Mitglieder sich auch mit Brasilien befassen. In ihrer Stellung und mit ihrem Lehrdeputat widmen sich die meisten Brasilianisten nicht nur Brasilien, sie f\u00fchren also gleichsam eine gespaltene Existenz.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Studien zur portugiesischen Sprache und Literatur geh\u00f6ren, seit sie \u00fcberhaupt der Universit\u00e4t f\u00fcr w\u00fcrdig befunden werden, zum Kernbestand der Romanischen Philologie sowohl in wissenschaftssystematischer Hinsicht als auch im Blick auf die Seminarorganisation. \u00abRomanist\u00bb war lange Zeit eine \u00fcbergreifende Bezeichnung mit einem enzyklop\u00e4dischen Anspruch ohne regionale oder sprachliche Spezifizierung. Die vom Adjektiv \u00ablusitanus\u00bb \/ \u00ablusitano\u00bb abgeleitete Bezeichnung \u00abLusitanist\u00bb erfa\u00dft urspr\u00fcnglich alles, was zu Portugal geh\u00f6rt oder sich auf Portugal und die Portugiesen bezieht, schlo\u00df also fr\u00fcher Brasilien und die Brasilianer nicht ein. Mittlerweile hat sich der Sprachgebrauch ge\u00e4ndert, und die \u00abAssocia\u00e7\u00e3o Internacional de Lusitanistas\u00bb ist auch der internationale Fachverband der Brasilianisten aus der ganzen Welt geworden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es er\u00fcbrigt sich zu betonen, da\u00df sich jeder Lusitanist in Deutschland heute nat\u00fcrlich der historischen, politischen, geographischen, sprachlichen, kultur-anthropologischen Unterschiede zwischen Portugal und Brasilien bewu\u00dft ist. Die deutsche Sprache bietet indessen kein verst\u00e4ndliches, griffiges \u00c4quivalent f\u00fcr \u00abluso-brasileiro\u00bb mit entsprechenden Ableitungen. Die Neubildungen \u00abBrasilianistik\u00bb, \u00abBrasilianist\u00bb sind jungen Datums und lehnen sich an Hispanistik\/Hispanist; Italianistik\/Italianist; Germanistik\/Germanist; Anglistik\/Anglist usw. an. Noch j\u00fcnger sind Franzistik\/Franzist sowie Portugalistik\/Portugalist.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ein weiterer Grund f\u00fcr die nicht immer eindeutige Wahrnehmung der Brasilienstudien liegt darin, da\u00df sie auch (und zu Recht) in den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang Lateinamerika(wissenschaft) eingeordnet werden. Andererseits verwischt die Rede von \u00ablateinamerikanischer\u00bb Literatur wesentliche Unterschiede und weckt die falsche Vorstellung einer Einheit und Geschlossenheit. Unter den gegenw\u00e4rtigen prek\u00e4ren Zust\u00e4nden im Bereich der Universit\u00e4ten mit ihren \u00fcberkommenen Organisationseinheiten und Verwaltungsstrukturen erscheint es auch im Zusammenhang mit geplanten, m\u00f6glichen oder notwendigen Reformen wenig aussichtsreich, in naher Zukunft mit einer weiteren Verselbst\u00e4ndigung der Brasilienstudien zu rechnen. Die Situation, die von diesen \u00e4u\u00dferen Bedingungen mitbestimmt wird, bleibt also kompliziert und komplex.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Jahrzehnt nach Ende des Zweiten Weltkriegs gab es keinen neuen wissenschaftlichen Beitrag der deutschen Romanistik zur Kenntnis der lateinamerikanischen Literatur. So fehlte \u00fcberhaupt eine solide, informative Geschichte der lateinamerikanischen Literatur(en), die eine Ann\u00e4herung an den Subkontinent erm\u00f6glicht oder gef\u00f6rdert h\u00e4tte. Literaturgeschichtsschreibung blieb Journalisten, Essayisten, Kritikern oder Liebhabern vorbehalten, die den\u00a0<i>Dialog mit Lateinamerika<\/i>\u00a0f\u00fchrten oder das\u00a0<i>Panorama einer Literatur der Zukunft<\/i>\u00a0(G\u00fcnter W. Lorenz) entwarfen. Erst am Ende der sechziger Jahre erschien das Handbuch von Rudolf Grossmann \u00fcber\u00a0<i>Geschichte und Probleme der lateinamerikanischen Literatur<\/i>(M\u00fcnchen 1969), das auch die brasilianische Literatur einschlie\u00dft. In einer entscheidenden Phase der politischen Entwicklung in Brasilien und der Verbreitung brasilianischer und &#8211; ganz allgemein &#8211; lateinamerikanischer Boom-Literatur hierzulande begleitete die akademische Literaturwissenschaft die literarischen Vermittler (\u00dcbersetzer, Verlage, Kritiker) und das einheimische Leserpublikum nicht. Die n\u00e4chste Gesamtdarstellung der lateinamerikanischen Literaturgeschichte in deutscher Sprache, herausgegeben von Michael R\u00f6ssner, erschien erst 1995. Sie widmet der brasilianischen Literatur mehrere Unterkapitel im Kontext der literarischen Entwicklung in Lateinamerika von der Kolonialzeit bis in die Gegenwart. Eine eigene brasilianische Literaturgeschichte (geschweige denn eine Geschichte des Landes) ist nach wie vor jedoch auf dem deutschen Markt nicht verf\u00fcgbar, obwohl f\u00fcr andere \u00abNationalliteraturen\u00bb und Staaten &#8211; Frankreich, Italien, England usw. &#8211; eine breite Auswahl, je nach Epochen, Gattungen, Autoren, Problemen &#8211; vorliegt. Diese Situation ist weniger zufriedenstellend und \u00fcberraschend, auch wenn es wichtig und durchaus hilfreich ist, die brasilianische Literatur im vergleichenden Zusammenhang sowie im gr\u00f6\u00dferen Rahmen der kulturellen Entwicklung Lateinamerikas zu betrachten. Umgekehrt darf die Tatsache, da\u00df bislang keine selbst\u00e4ndige brasilianische Literaturgeschichte auf deutsch vorliegt, auch nicht zu der irrigen Auffassung verleiten, da\u00df in Deutschland keine B\u00fccher \u00fcber brasilianische Sprache und Literatur erscheinen w\u00fcrden. Die Ver\u00f6ffentlichung der ersten Habilitationsschrift \u00fcber ein Thema der brasilianischen Literatur (Dieter Woll \u00fcber das erz\u00e4hlerische Werk von Machado de Assis) datiert allerdings auch erst von 1972. In j\u00fcngster Zeit haben jedenfalls sowohl die Veranstaltungen als auch die Ver\u00f6ffentlichungen zu brasilianischen Themen auf dem Gebiet der Sprach- wie auch der Literaturwissenschaft deutlich zugenommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">In diesem Zusammenhang mu\u00df schlie\u00dflich die Rezeption brasilianischer Literatur in Deutschland im 20. Jahrhundert erw\u00e4hnt werden, die in gewisser Wechselbeziehung steht, einerseits zur politischen Entwicklung Brasiliens und deren internationalen Auswirkungen, andererseits zur Professionalisierung der \u00dcbersetzungen und Verlagsprogramme. Die Begegnung mit lateinamerikanischen Literaten allgemein gewann eine neue Dimension mit der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit, die der erste deutsch-lateinamerikanische Schriftstellerkongre\u00df in Berlin 1961 zum Thema\u00a0<i>Der Schriftsteller in der modernen Gesellschaft<\/i>\u00a0erregte. Der zweite Kongre\u00df fand 1964 statt, im selben Jahr, als die Milit\u00e4rs in Brasilien die Macht \u00fcbernahmen und in Rio de Janeiro die \u00abAssocia\u00e7\u00e3o Brasil-Alemanha\u00bb gegr\u00fcndet wurde. Weitere Treffen fanden 1970 und 1974 statt. Die Internationale Buchmesse in Frankfurt am Main 1976 mit dem Schwerpunkt Lateinamerika markiert den Beginn der Kommerzialisierung der Boom-Literatur in Deutschland, aber erst 1994 wurde Brasilien nach Spanien und Mexiko zum Leitthema der Buchmesse gew\u00e4hlt. Zur Zeit der\u00a0<i>abertura<\/i>\u00a0der Milit\u00e4rherrschaft fand in (West)Berlin das zweite Horizonte-Festival der Weltkulturen (1982) unter Beteiligung von Jorge Amado, Ign\u00e1cio de Loyola Brand\u00e3o, Ferreira Gullar, Darcy Ribeiro, Jo\u00e3o Ubaldo Ribeiro und M\u00e1rcio Souza statt. Neben Konzerten und Lesungen, Theatervorf\u00fchrungen (zum Beispiel des \u00abGrupo Macuna\u00edma\u00bb) und einer Retrospektive des brasilianischen Films diskutierten Fachleute und Kritiker \u00fcber die brasilianische Literatur seit dem Modernismus, \u00fcber Fragen der \u00dcbersetzung sowie \u00fcber die Lage der Schriftsteller unter den Bedingungen der Zensur, Verfolgung und des Exils. Nie zuvor hatte es die M\u00f6glichkeit gegeben, so vielen brasilianischen Autoren zu begegnen. Seither folgten zahlreiche Kulturwochen, Schriftstellerlesungen, Fachtagungen, Kunstausstellungen und \u00f6ffentliche Diskussionsrunden, unter anderem in Hamburg, K\u00f6ln, M\u00fcnster, Bielefeld, Berlin, M\u00fcnchen, T\u00fcbingen usw. Bekannte brasilianische Schriftsteller wie Antonio Callado, Autran Dourado und Rubem Fonseca erhielten den Goethe-Preis. Der Deutsche Akademische Austauschdienst lud Schriftsteller nach Berlin ein (unter anderem Ign\u00e1cio de Loyola Brand\u00e3o, Jo\u00e3o Ubaldo Ribeiro, Jo\u00e3o Ant\u00f4nio, Rubem Fonseca). Die Universit\u00e4tsbibliothek Heidelberg zeigte 1989 erstmalig die Sch\u00e4tze der Brasilien-Bibliothek der Robert Bosch GmbH Stuttgart. Das Haus der Kulturen der Welt veranstaltete im Laufe der neunziger Jahre eine Reihe von brasilianischen Filmwochen, Literatur- und Theatertreffen sowie Gespr\u00e4chsrunden. Seit 1995 f\u00f6rdert das einzige Brasilianische Kulturinstitut Deutschlands in Berlin intensiv den deutsch-brasilianischen Dialog. Die Zahl der \u00dcbersetzungen zeitgen\u00f6ssischer brasilianischer Literaturwerke nahm zu und gewann an Qualit\u00e4t dank des Einsatzes etwa von Ray-G\u00fcde Mertin, Maralde Meier-Minnemann oder von Verlagen wie Suhrkamp und Dia. Die Reihe bedeutender \u00dcbersetzungen leitete Curt Meyer-Clason 1964 mit seiner Verdeutschung des\u00a0<i>Grande Sert\u00e3o<\/i>\u00a0von Guimar\u00e3es Rosa ein. Die j\u00fcngste \u00fcbersetzerische (und mit dem Wieland-Preis ausgezeichnete) Leistung ist die deutsche Fassung von Euclides da Cunhas\u00a0<i>Os Sert\u00f5es<\/i>\u00a0durch Berthold Zilly (1994). In diesem Zeitraum von drei\u00dfig Jahren konzentriert sich die Vermittlung brasilianischer Literatur im deutschen Sprachraum. Das von Klaus K\u00fcpper erstellte umfangreiche bibliographische Verzeichnis der \u00dcbersetzungen gibt eine eindrucksvolle Vorstellung von dem literarischen Austausch.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im universit\u00e4ren Bereich hat sich die Stellung der Brasilienstudien in den letzten Jahren verbessert und gefestigt, wenngleich sie immer noch nicht der gegenw\u00e4rtigen und k\u00fcnftigen Bedeutung Brasiliens angemessen erscheint. In der Sprachwissenschaft ist die Ver\u00f6ffentlichung (1998) der Grammatik von Eberhard G\u00e4rtner als herausragende Leistung zu w\u00fcrdigen. Die Begegnung von \u00fcber hundert brasilianischen Sprachwissenschaftlern mit deutschen Kollegen gab der Linguistik hierzulande bei mehreren am Ibero-Amerikanischen Institut veranstalteten Kongressen Auftrieb, die Akten, welche die in Deutschland bisher umfangreichste sprachwissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit dem Portugiesischen Brasiliens (und auch Uruguays) enthalten, wurden in ingesamt zehn B\u00e4nden, die in den Jahren 1998-2000 in der Reihe \u00abBiblioteca Luso-Brasileira\u00bb des Frankfurter TFM-Verlags von Eberhard G\u00e4rtner, Sybille Gro\u00dfe, Christine Hundt, Axel Sch\u00f6nberger und Klaus Zimmermann herausgegeben wurden, ver\u00f6ffentlicht. 1999 erschienen auch eine Dissertation sowie eine Habilitationsschrift zum brasilianischen Portugiesisch (Sybille Gro\u00dfe:\u00a0<i>&#8216;Eu me preparei, chamei ele e fomos na praia: Corpusanalysen zum Objektpronominagebrauch und zur Pr\u00e4position nach Verben der Ortsver\u00e4nderung im brasilianischen Portugiesisch,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM, 1999; Volker Noll:\u00a0<i>Das brasilianische Portugiesisch: Herausbildung und Kontraste,<\/i>\u00a0Heidelberg: Winter, 1999). Allerdings fehlt nach wie vor ein aktuelles, umfangreiches zweisprachiges W\u00f6rterbuch, das den brasilianischen Sprachgebrauch erfa\u00dft. Es liegt lediglich ein \u00abTaschenw\u00f6rterbuch\u00bb f\u00fcr eine Sprachgemeinschaft von ann\u00e4hernd 200 Millionen Menschen vor. Auch im Bereich der Literaturwissenschaft hat die Besch\u00e4ftigung mit brasilianischen Autoren in den letzten drei\u00dfig Jahren (etwa seit der Dissertation von Ronald Daus \u00fcber den epischen Zyklus der Cangaceiros, 1969) merklich zugenommen, vor allem in den achtziger und neunziger Jahren. Das Hauptinteresse liegt bei der Literatur des 20. Jahrhunderts, hingegen werden die Kolonialliteratur und das 19. Jahrhundert selten behandelt. Das Projekt einer kritischen und kommentierten Gesamtausgabe von Ant\u00f3nio Vieiras Predigten, das Hans Flasche in Hamburg in Angriff genommen hatte, blieb unvollendet und kam nicht \u00fcber f\u00fcnf B\u00e4nde hinaus.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Zusammenf\u00fchrung der in Deutschland mit brasilianischen Themen befa\u00dften Forscher vor allem der j\u00fcngeren Generation dienten 1990 und 1992 zwei am Ibero-Amerikanischen Institut durchgef\u00fchrte lusitanistische Kongresse, deren brasilianistischer Ertrag in den B\u00e4nden\u00a0<i>Brasiliana: Studien zur Literatur und Sprache<\/i>(Kalwa \/ Mertin \/ Sch\u00f6nberger 1991) sowie\u00a0<i>Studien zur brasilianischen Literatur<\/i>\u00a0(Mertin \/ Sch\u00f6nberger 1993) vorliegt. Die 1996 begr\u00fcndete\u00a0<i>Biblioteca Luso-Brasileira<\/i>, in welcher vorliegendes Buch als zwanzigster Band erscheint, f\u00fchrte diese Bem\u00fchungen ebenso wie die erste und zweite Beiheftreihe zu der Zeitschrift\u00a0<i>Lusorama<\/i>\u00a0fort.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Heute kann keineswegs mehr die Rede davon sein, da\u00df die lateinamerikanische Literatur, insbesondere die brasilianische, aber auch die Brasilienstudien in ihrer ganzen Breite in den deutschsprachigen L\u00e4ndern fehlten. Gewi\u00df lassen sich in der Rezeption der brasilianischen Literatur wie auch in Wissenschaft und Forschung L\u00fccken, Zuf\u00e4lligkeiten und Ungleichgewichte feststellen. Die Deutschen haben ihre Liebe zu Lateinamerika zwar sp\u00e4t entdeckt, aber Unwissenheit und Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber Brasilien sind inzwischen endg\u00fcltig \u00fcberwunden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Auswahlbibliographie<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Boeckh, Andreas \/ Sevilla, Rafael (1997) (Hrsg.):\u00a0<i>Bestandsaufnahme und Perspektiven der deutsch-brasilianischen Beziehungen,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 3).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich (1983): \u00abDie Rezeption der brasilianischen Literatur in den deutschsprachigen L\u00e4ndern\u00bb, in: L\u00f3pez de Abiada, Jos\u00e9 Maria \/ Heydenreich, Titus (Hrsg.) (1983):\u00a0<i>Iberoam\u00e9rica: historia, sociedad, literatura; homenaje a Gustav Siebenmann,<\/i>\u00a0M\u00fcnchen: Fink, S. 165-192; \u00fcberarbeitete Fassung in:\u00a0<i>Miscel\u00e2nea de estudos liter\u00e1rios: homenagem a Afr\u00e2nio Coutinho,<\/i>\u00a0Rio de Janeiro: Pallas, S. 141-164, mit dem Titel \u00abA recep\u00e7\u00e3o da literatura brasileira nos pa\u00edses de l\u00edngua alem\u00e3\u00bb.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich (1990): \u00abLateinamerikaforschung in Berlin im 19. Jahrhundert\u00bb, in:\u00a0<i>Jahrbuch Preu\u00dfischer Kulturbesitz<\/i>\u00a027, S. 283-302.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich (1991): \u00abZur Fr\u00fchgeschichte der Lateinamerikanistik in Deutschland\u00bb, in: Schlieben-Lange, Brigitte \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1991):<i>Polyglotte Romania: homenatge a Tilbert D\u00eddac Stegmann,<\/i>\u00a0Bd. 2:\u00a0<i>Beitr\u00e4ge zu Sprachen, Literaturen und Kulturen der Romania<\/i>, Frankfurt am Main: Domus Editoria Europaea, S. 645-656.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich (1992): \u00abDie Rezeption brasilianischer Literatur im deutschen Sprachraum 1964-1988\u00bb, in: Briesemeister, Dietrich \/ Feldmann, Helmut \/ Santiago, Silviano (Hrsg.) (1992):\u00a0<i>Brasilianische Literatur der Zeit der Milit\u00e4rherrschaft(1964-1984),<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: Vervuert, S. 367-388.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich (1994): \u00abDas deutsche Brasilienbild im 19. und 20. Jahrhundert\u00bb, in: Bauschinger, Sieglinde \/ Cocalis, Susan L. (Hrsg.) (1994):\u00a0<i>Neue Welt \/ Dritte Welt: interkulturelle Beziehungen Deutschlands zu Lateinamerika und der Karibik,<\/i>\u00a0T\u00fcbingen; Basel: Francke, S. 65-84.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich \/ Sch\u00f6nberger, Axel (1997): \u00abGeschichte der Lusitanistik in Deutschland\u00bb, in:\u00a0<i>Portugal heute: Politik &#8211; Wirtschaft &#8211; Kultur,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: Vervuert, S. 857-888.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1998):\u00a0<i>Moderne Mythen in den Literaturen Portugals, Brasiliens und Angolas,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 5).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Briesemeister, Dietrich \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1999):\u00a0<i>Von Jos\u00e9 Saramago, Ant\u00f3nio Lobo Antunes, Fiama Hasse Pais Brand\u00e3o und dem\u00a0<\/i>Sexameron:<i>ausgew\u00e4hlte Literatur der neunziger Jahre aus Portugal und Brasilien in Einzeldarstellungen,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 10).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">G\u00e4rtner, Eberhard \/ Hundt, Christine \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (2000):\u00a0<i>Estudos de geoling\u00fc\u00edstica do portugu\u00eas americano,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 18).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gro\u00dfe, Sybille (1999):\u00a0<i>&#8216;Eu me preparei, chamei ele e fomos na praia: Corpusanalysen zum Objektpronominagebrauch und zur Pr\u00e4position nach Verben der Ortsver\u00e4nderung im brasilianischen Portugiesisch,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 9).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gro\u00dfe, Sybille \/ Zimmermann, Klaus (Hrsg.) (1998):\u00a0<i>\u00abSubstandard\u00bb e mudan\u00e7a no portugu\u00eas do Brasil,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 6).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gro\u00dfe, Sybille \/ Zimmermann, Klaus (Hrsg.) (2000):\u00a0<i>O portugu\u00eas brasileiro: pesquisas e projetos,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 17).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Kalwa, Erich \/ Mertin, Ray-G\u00fcde \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1991):\u00a0<i>Brasiliana: Studien zu Sprache und Literatur Brasiliens,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM; Domus Editoria Europaea.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Kohut, Karl (1996): \u00abBrasilianische Studien in Deutschland\u00bb, in: Briesemeister, Dietrich \/ Rouanet, Sergio (Hrsg.) (1996):\u00a0<i>Brasilien im Umbruch: Akten des Berliner Brasilien-Kolloquiums(20.-22. 9. 1995),<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 1), S. 397-410.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">K\u00fcpper, Klaus \/ Mertin, Ray-G\u00fcde (1994):\u00a0<i>Bibliographie der brasilianischen Literatur: Prosa, Lyrik, Essay und Drama in deutscher \u00dcbersetzung,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Mertin, Ray-G\u00fcde (Hrsg.) (1996):\u00a0<i>Von Jesuiten, T\u00fcrken, Deutschen und anderen Fremden: Aufs\u00e4tze zu brasilianischer Literatur und literarischer \u00dcbersetzung,<\/i>Frankfurt am Main: TFM.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Mertin, Ray-G\u00fcde \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1993):\u00a0<i>Studien zur brasilianischen Literatur,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM; Domus Editoria Europaea.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Noll, Volker (1999):\u00a0<i>Das brasilianische Portugiesisch: Herausbildung und Kontraste,<\/i>Heidelberg: Winter.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Rheinfelder, Hans (1998): \u00abVom Notstand der Romanischen Philologie\u00bb, in: Briesemeister, Dietrich \/ Sch\u00f6nberger, Axel (Hrsg.) (1998):\u00a0<i>Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven der deutschsprachigen Lusitanistik: Standpunkte und Thesen,<\/i>Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 4), S. 11-22.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Simone, Eliana de \/ Thorau, Henry (Hrsg.) (2000):\u00a0<i>Kulturelle Identit\u00e4t im Zeitalter der Mobilit\u00e4t: zum portugiesischsprachigen Theater der Gegenwart und zur Pr\u00e4senz zeitgen\u00f6ssischer brasilianischer und portugiesischer Kunstin Deutschland,<\/i>\u00a0Frankfurt am Main: TFM (Biblioteca Luso-Brasileira; 19).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Str\u00e4ter, Thomas (1996): \u00abDas Brasilienbild in der j\u00fcngsten deutschsprachigen Literatur\u00bb, in:\u00a0<i>ABP: Zeitschrift zur portugiesischsprachigen Welt<\/i>\u00a02, S. 28-41.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Werz, Nikolaus (Hrsg.) (1992):\u00a0<i>Handbuch der deutschsprachigen Lateinamerikakunde,<\/i>Freiburg im Breisgau: Arnold Bergstraesser Institut.<\/p>\n<p>Anmerkung:<\/p>\n<p>1. Zum Vergleich seien die weltweiten Zahlen f\u00fcr Englisch (471 Millionen), Spanisch (355 Millionen), Deutsch (121 Millionen), Franz\u00f6sisch (insgesamt ca. 89 Millionen, wenn man die franz\u00f6sisch-basierten Kreolsprachen und die Frankophonie hinzuz\u00e4hlt) und Italienisch (57 Millionen) genannt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dietrich Briesemeister (Jena) Die Brasilienstudien in Deutschland Die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Brasilien, die Kenntnis brasilianischer Kultur und die Verbreitung brasilianischer Literatur in den deutschsprachigen L\u00e4ndern sind ein getreuer Spiegel der Beziehungen zwischen Europa und Brasilien. Seit dem fr\u00fchen 19. 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