{"id":60,"date":"2017-11-18T18:13:09","date_gmt":"2017-11-18T17:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/romanistisches-kolloquium.de\/dlv\/?page_id=60"},"modified":"2017-11-20T19:30:43","modified_gmt":"2017-11-20T18:30:43","slug":"zur-lusitanistik-in-der-schweiz","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/lusitanistenverband.de\/pt\/was-ist-lusitanistik\/zur-lusitanistik-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Zur Lusitanistik in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext\">Georges G\u00fcntert (Z\u00fcrich)<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\n<h1><b>Zur Lage der Lusitanistik in der Schweiz<\/b><\/h1>\n<p class=\"bodytext\"><b><\/p>\n<p><\/b>Im Sommer 1996 konnte die Universit\u00e4t Z\u00fcrich das f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Bestehen ihres Portugiesisch-Lektorats feiern. Unter den Universit\u00e4ten der Schweiz hat Z\u00fcrich, wo man seit drei Jahrzehnten Portugiesische Sprache und Literatur studieren und in Lusitanistik promovieren kann, lange Zeit eine Sonderstellung eingenommen. Heute darf es dieses Privileg mit einem zweiten Standort teilen, denn seit 1995 unterh\u00e4lt auch die Universit\u00e4t Genf ein Portugiesisch-Lektorat und schenkt der Lusitanistik &#8211; durch regelm\u00e4\u00dfig erteilte Lehrauftr\u00e4ge &#8211; vermehrt Beachtung. Unterricht in portugiesischer Sprache und Kultur ist zwischen 1975 und 1990 au\u00dferdem an der Hochschule St. Gallen angeboten worden; inzwischen wurden diese Sprachkurse jedoch wieder eingestellt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>2<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Beim Abw\u00e4gen der Positionen, die den einzelnen romanischen Sprachen innerhalb der Romanistik zukommen, sind die sprachlich-kulturellen Besonderheiten der Schweiz zu ber\u00fccksichtigen. Gut ein Viertel der Schweizer spricht eine romanische Sprache als Muttersprache. F\u00fcr die Gesamtbev\u00f6lkerung, einschlie\u00dflich der Ausl\u00e4nder, betr\u00e4gt der Anteil der lateinischen Minderheit gut 30\u00a0%. Anl\u00e4\u00dflich der Volksz\u00e4hlung von 1990 sprachen 4,375 Millionen Deutsch, 1,322 Millionen Franz\u00f6sisch, 524\u00a0100 Italienisch, 116\u00a0800 Spanisch, 93\u00a0800 Portugiesisch und 39\u00a0600 R\u00e4toromanisch. Die weitverbreitete Mehrsprachigkeit wirkt sich auf das Niveau der Romanistik in diesem Land sicher positiv aus. Zu beachten sind nun aber folgende Punkte:<\/p>\n<p class=\"bodytext\">-Franz\u00f6sisch, Italienisch und neuerdings auch R\u00e4toromanisch gelten als<i>Landessprachen<\/i>. Die Schweizer Romanistik hat sich dieser drei Sprachen und ihrer Dialekte schon immer mit besonderer Aufmerksamkeit angenommen, vielleicht aber auch aus diesem Grund die Pflege der\u00a0<i>Iberoromanistik\u00a0<\/i>lange Zeit etwas vernachl\u00e4ssigt. Unter Arnald Steiger erlebte die Hispanistik in Z\u00fcrich zwischen 1940 und 1958 einen ersten Aufschwung. Nach 1960 &#8211; unter dem Einflu\u00df der ersten Immigrationswelle von Spaniern &#8211; gelang es ihr, sich an allen schweizerischen Universit\u00e4ten fest zu etablieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">-Trotz leicht r\u00fcckl\u00e4ufiger Studentenzahlen dominiert weiterhin die\u00a0<i>Franzistik<\/i>\u00a0sowohl an den vier Universit\u00e4ten der Romandie (d.\u00a0h. in Genf, Lausanne, Neuch\u00e2tel und im zweisprachigen Fribourg) als auch an den romanistischen bzw. neusprachlichen Abteilungen der deutschsprachigen Universit\u00e4ten (Z\u00fcrich, Basel und Bern sind mit einem Romanischen Institut dotiert; die ETH Z\u00fcrich unterh\u00e4lt je einen Lehrstuhl f\u00fcr Franz\u00f6sische und Italienische Literatur und bietet wie die Universit\u00e4t St. Gallen Sprach- und Literaturkurse in Spanisch an).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">-An zweiter Stelle folgt die\u00a0<i>Italianistik<\/i>, die bez\u00fcglich der Zahl der Studierenden noch vor der\u00a0<i>Hispanistik<\/i>\u00a0rangiert. Dies ist eine helvetische Besonderheit, der bei den nachfolgenden \u00dcberlegungen Rechnung getragen werden mu\u00df.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">-Die Romanistik, urspr\u00fcnglich eine deutsche Erfindung, hat es in ihrer klassischen Form nur an den deutschschweizerischen Univerist\u00e4ten Basel, Bern und Z\u00fcrich gegeben. Eine Tendenz zur Spezialisierung ist aber auch hier festzustellen. In der Romandie herrscht seit je ein anderes Unterrichtssystem: Franzistik, Italianistik und Iberoromanistik bilden dort selbst\u00e4ndige Abteilungen oder Institute. Die Romanisten aus der ganzen Schweiz sind indes im \u00abCollegium Romanicum\u00bb vereinigt und treffen sich regelm\u00e4\u00dfig, womit gesagt sein soll, da\u00df zwischen den Universit\u00e4ten der Deutsch- und der Welschschweiz durchaus vielf\u00e4ltige und enge Beziehungen bestehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>3<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Stellung der Lusitanistik an den schweizerischen Universit\u00e4ten ist in entscheidendem Ma\u00dfe durch diese unterschiedliche Strukturierung der romanistischen F\u00e4cher in den verschiedenen Landesteilen bedingt. Was das Studium und die Entwicklung der Lusitanistik insbesondere in der deutschsprachigen Schweiz betrifft, sind drei Etappen zu unterscheiden:<\/p>\n<p class=\"bodytext\">1.Solange die aus dem 19. Jahrhundert stammende vergleichende Romanistik gelehrt wurde, war das Portugiesische ein Teil der Gesamtromania. Zumindest die Linguisten schenkten seinen Besonderheiten (etwa dem flektierten Infinitiv oder den Umlautwirkungen in der Verbkonjugation) durchaus Beachtung. Portugiesische oder brasilianische Literatur wurden jedoch kaum unterrichtet. Nur wer die altspanische Lyrik behandelte, kam um eine Betrachtung der galicisch-portugiesischen Liebesdichtung nicht herum.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2.In einem zweiten Schritt kam es zur Spezialisierung, die eine Aufgliederung der Disziplinen und eine Vermehrung der Lehrst\u00fchle zur Folge hatte. Nun entstanden \u00fcberall neben italianistischen und franzistischen auch iberoromanische oder hispanistische Lehrst\u00fchle. War der Inhaber eines iberoromanischen Lehrstuhls ein traditionell breit ausgebildeter Romanist (wie etwa Germ\u00e0 Colon in Basel) oder sogar selbst Lusitanist (wie Gerold Hilty in Z\u00fcrich oder Gustav Siebenmann in St. Gallen), dann lief das Portugiesische kaum Gefahr, vergessen zu werden. Im Gegenteil: In Z\u00fcrich und St. Gallen wurden unter den genannten Professoren spezifische Kurse oder Seminare angeboten. In Z\u00fcrich, wo heute etwa drei\u00dfig Lusitanisten studieren, sind es neuerdings sogar vier Dozenten, die sich der Lusitanistik widmen oder sich ihr widmen k\u00f6nnten: der Sprachwissenschaftler Georg Bossong, der Lateinamerikanist Martin Lienhard, der Medi\u00e4vist Luciano Rossi und der Literaturwissenschaftler Georges G\u00fcntert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">3.Die Lusitanistik wird jedoch dort vernachl\u00e4ssigt bzw. \u00fcberhaupt nicht angeboten, wo die hispanistischen Lehrst\u00fchle vorzugsweise auf die neuere spanische Literatur ausgerichtet und von Dozenten besetzt sind, die keine gesamtromanistische Ausbildung genossen haben (z.\u00a0B. in St. Gallen, Neuch\u00e2tel, Lausanne und Bern). Zuweilen tritt das Portugiesische auch in Konkurrenz zum Katalanischen, so in Fribourg, was zwar der Vielfalt der Iberoromania, nicht aber der Stellung dieses Faches f\u00f6rderlich ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>4 Zusammenfassung und Ausblick<\/p>\n<p><\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Abschlie\u00dfend ist zu sagen, da\u00df die Situation des Portugiesischen in der Schweiz eher ung\u00fcnstig beurteilt werden mu\u00df. Der Schweizer Romanist, falls er nicht selbst portugiesischer oder brasilianischer Abstammung ist, lernt Portugiesisch erst als vierte oder f\u00fcnfte romanische Sprache. Folglich wird immer nur eine verschwindende Minderheit Lusitanistik als Studienfach belegen. Auch das Erlernen der Grundkenntnisse ist mit Schwierigkeiten verbunden. Auf der Mittelstufe, mit Ausnahme gewisser Handelsschulen, wird Portugiesisch nicht angeboten. Sprachkurse gibt es lediglich an Privatschulen. Den Besuchern der Lektoratskurse an der Universit\u00e4t bietet sich indes die M\u00f6glichkeit, Stipendien f\u00fcr Ferienkurse und Studienaufenthalte in Portugal zu erhalten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Was die Zukunft betrifft, scheint die Lusitanistik am ehesten in Z\u00fcrich und Genf eine Chance zu haben. In Basel ist der Lehrstuhl f\u00fcr Iberoromanistik zur Zeit vakant, so da\u00df f\u00fcr diese Universit\u00e4t keine Prognose gestellt werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Georges G\u00fcntert (Z\u00fcrich) Zur Lage der Lusitanistik in der Schweiz Im Sommer 1996 konnte die Universit\u00e4t Z\u00fcrich das f\u00fcnfzigj\u00e4hrige Bestehen ihres Portugiesisch-Lektorats feiern. 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