Heidelberg 2027

17. Lusitanistentag, 4.-6.10.2027 in Heidelberg

Rahmenthema: Kulturtechniken der Etablierung sozialer Ordnung

Eine anthropologische Konstante des Menschen besteht darin, dass wir uns unseren Zugang zur uns umgebenden Welt durch Sprache erschließen. Wir interagieren nicht nur untereinander und mit der Welt mithilfe von Sprache, sondern Sprache als Kulturtechnik ermöglicht uns auch die Gestaltung einer sinnhaften Realität. Selbst die scheinbar objektive Wissenschaft wäre ohne die sprachlich vermittelte Interpretation von Daten nicht möglich. Sprache und Kommunikation sind somit auch für die Konstruktion der sozialen und politischen Ordnung, in der wir leben, essentiell.

Diese das menschliche Wesen schlechthin bestimmende Fähigkeit der Sprache bildet den Gegenstand der verschiedenen philologischen Disziplinen. Sie untersuchen Sprache und sprachliche Verfahren und Erzeugnisse im weitesten Sinne – einfache wie komplexe, mündlich artikulierte, schriftlich fixierte, aber auch visuell-taktil wahrnehmbare – als Wissensobjekte. Durch die Auseinandersetzung mit Sprache, sprachlichen Äußerungen, literarischen Texten sowie Kommunikation in sozialen Medien eröffnen die philologischen Geisteswissenschaften Räume für Interpretation und Reflexion, die notwendig sind, um das Handeln, Denken und historische und zeitgenössische Erklärungsmodelle zu verstehen und zu hinterfragen. Dieser hermeneutische Prozess der Interpretation und des Verständlichmachens ist für viele geisteswissenschaftliche Richtungen von grundlegender Bedeutung: Es geht darum zu untersuchen, wie sprachlich konstituierte Artefakte und kommunikative Handlungen Bedeutung erzeugen, vermitteln und transformieren. Doch die Philologie befasst sich nicht nur mit der Geschichte und Entwicklung von Sprache, sondern auch mit der grundlegenden Frage nach den Bedingungen gegenseitigen Verstehens. Sie eröffnet ein Reflexionsinstrumentarium, das Gemeinschaften die Möglichkeit bietet, sich durch die Auseinandersetzung mit Sprache, sprachlichen Äußerungen und literarischen Texten über sich selbst aufzuklären. Es ist dies eine reflexive, potenziell auch kritische Funktion, die in Zeiten, in denen die ökonomische Verwertungslogik die kaum je quantifizierbare Relevanz der Geisteswissenschaften in Abrede stellt, wichtiger denn je geworden ist.

Die philologische Beschäftigung mit Sprache und Literatur umfasst weit mehr als die elementaren Kulturtechniken des Sprechens, Lesens, Schreibens und Übersetzens. Darauf aufbauende, komplexere Praktiken wie Analysieren, Editieren, Publizieren, Archivieren, Katalogisieren, Normieren, Standardisieren, Zensieren, Kanonisieren und Unterrichten sind zentrale philologische Tätigkeiten. Als sprach- und literaturbezogene Kulturtechniken partizipieren sie maßgeblich an der Erzeugung von Wissen und Diskursen sowie an der Konstruktion sozialer und kultureller Beziehungen. Zugleich sind sie in vielerlei Hinsicht in die Organisation der sozialen Ordnung involviert – sie sind potenziell sowohl Instrumente der Interaktion, als auch der Dominanz sowie der Emanzipation. Es ist diese fundamentale Ambivalenz, die den menschlichen Kulturtechniken der Sprache und der Literatur innewohnt, der wir uns im Rahmen des 17. Lusitanistentags widmen möchten.

Teilbereich Literaturwissenschaft
Eine weithin verbreitete Auffassung von Literatur ist geprägt von einer Sichtweise, die Literatur als „reine“ Ästhetik betrachtet, als bloße Fiktion, die weitgehend von der sozialen Realität losgelöst ist. Im Gegensatz dazu steht ein literatursoziologisches Verständnis von Literatur als einem Bereich innerhalb der Gesellschaft, die zwar spezifischen, relativ autonomen Regeln folgt (Bourdieu 1992), aber in enger Wechselwirkung mit ihr steht. Aus dieser Perspektive ist Literatur unabhängig vom Grad ihrer Fiktionalität immer auch als Ausdruck sozialer Beziehungen lesbar und – als symbolisches System sozialer Repräsentation – an der Produktion von Wissen und Diskursen beteiligt. Sie hat eine stark naturalisierende und legitimierende Funktion: Was mimetisch dargestellt wird, erscheint oft als „wahr“ und gesellschaftlich gültig, etwa wenn in Texten soziale Hierarchien unreflektiert reproduziert werden – entlang von Klasse, Gender, kultureller Differenz oder im Zuge von Rassialisierungsprozessen. Diesen Überlegungen folgend lässt sich danach fragen, wie und wann im lusophonen Raum spezifische narrative Verfahren die Illusion von Wahrheit und Authentizität erzeugen, Diskurse beglaubigen und Wissen objektivieren und in welchen Konstellationen literarische Repräsentation auch kritische Wirkung entfalten kann, indem sie gängige Vorstellungen und soziale Normen in Frage stellt.

Die Frage, ob Literatur als Herrschafts- oder Emanzipationsinstrument wirkt, stellt sich auch auf der Produktionsebene. Dort gilt es, die materiellen Zugangsbedingungen, die Rolle von Verlagen als Gatekeeper und die dadurch erzeugten Ein- und Ausschlüsse zu analysieren. Ebenso sind die Strategien zu untersuchen, mit denen sich portugiesischsprachige Autor:innen in einem asymmetrischen globalen literarischen Feld positionieren. Dieses lusophone Feld wird nicht, wie Pascale Casanova angenommen hat, durch ein Zentrum, sondern durch multiple Zentren und Peripherien strukturiert. Zu analysieren ist, wie lusophone Texte der ökonomischen Vermarktungslogik unterworfen werden oder mit welchen Strategien sie die ungleichen Kapitalverhältnisse reflektieren, wie dies am Beispiel von Carolina María de Jesús oder Conceição Evaristo untersucht werden könnte, oder wie Roberto Schwarz dies im Fall von Machado de Assis aufgezeigt hat.

Nicht zuletzt stellt sich die Frage, inwiefern Literatur – obwohl sie als Raum des kreativen und vermeintlich freien Ausdrucks gefeiert wird – selbst zum Instrument der Unterdrückung werden kann, indem sie bestimmte soziale Welten als „normal“ legitimiert und andere ausblendet. Auf einer metatheoretischen Ebene ließe sich zudem untersuchen, wie literaturwissenschaftliche Theorien und Methoden selbst soziale Ordnungen und Wissensbestände stabilisieren: Welche Prämissen formulieren sie, welche Hierarchien erzeugen sie und welche Differenzen und Identitäten postulieren und naturalisieren sie durch ihre Erkenntnisinteressen? Kurzum: Es geht darum, zu analysieren, ob philologische Praktiken und die von ihnen vorgeschlagenen Lesarten bestehende Machtstrukturen reproduzieren – oder ob sie Texte als Orte konfligierender Interpretationen neu eröffnen, neue Erkenntniszusammenhänge schaffen und dadurch eine zuvor naturalisierte Welt in Frage stellen.

Teilbereich Sprachwissenschaft
Aus linguistischer Perspektive lädt das Rahmenthema unter anderem dazu ein, über interaktionale und diskursive Praktiken zu reflektieren, die die portugiesische Sprache und ihre Varietäten, einschließlich der Gebärdensprachen, in ihrem alltäglichen Gebrauch prägen und durchziehen. Ausgehend von der strukturellen und formalen Analyse sprachlicher Phänomene – z. B. phonetisch-phonologischer, morphosyntaktischer oder lexikalischer Aspekte – kann die sprachwissen-schaftliche Untersuchung auch die Verschränkung von Sprache, in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, mit sozialen, kulturellen und politischen Dimensionen beleuchten. Interaktion und Kommunikation sind situierte soziale Praktiken, die unter anderem dem Aushandeln von Identitäten, sozialer Rechte und Pflichten etc. in konkreten Situationen dienen. Dies verdeutlicht, dass die Erforschung von Sprache in ihrer interaktionalen und kommunikativen Verwendung als Ressource sozialer Handlung verstanden werden muss. In diesem Sinne bietet im Besonderen auch der plurizentrische Charakter des Portugiesischen in seiner geografischen und sozialen Vielfalt ein geeignetes Untersuchungsfeld, um Variation nicht nur strikt systemisch, sondern auch in den sozialen Sprachpraktiken zu analysieren. Wie setzen Sprachverwender:innen alltägliche Gebrauchsnormen in der sprachlichen Interaktion relevant? Welche sprachlichen und sozialen Praktiken werden delegitimiert? Innerhalb der Sprachwissenschaft untersuchen Forschende aus verschiedenen Perspektiven (z. B. urbane Soziolinguistik, Diskursanalyse, Konversationsanalyse), wie soziale Ordnung in der alltäglichen, aber auch in der institutionellen Interaktion etabliert wird. Diese Ansätze verdeutlichen, dass sprachliche Praktiken grundlegend für die Herstellung sozialer Wirklichkeit sind (vgl. Ostermann 2000, 2002; Lélia Gonzalez 1983).

Eng mit diesen Zugängen verknüpft haben zudem andere, diese Einsichten weiterentwickelnde Ansätze gezeigt, dass soziale Ungleichheiten auch mit epistemischen Ungleichheiten verknüpft sind. Aus philosophischer Perspektive beispielsweise postuliert Fricker (2007), dass bestimmte Sprecher:innen oder Varietäten systematisch als verlässliche Quellen von Wissen oder Glaubwürdigkeit delegitimiert werden (testimonial injustice). Die Analyse konkreter Interaktionen oder aber auch perzeptionslinguistische Zugänge machen Mechanismen sichtbar, durch die solche Ungleichheiten produziert werden. Zugleich eröffnen sie aber auch den Blick auf potenzielle emanzipatorische Praktiken sowie auf die Dynamik und Entwicklung auch grammatischer Phänomene – beispielsweise im Bereich der Phonetik und Phonologie sowie der Modalitäts- oder Evidentialitätskodierung – die, im Falle letzterer, dann widerum auch mit der Tempusforschung verschränkt werden können.

Teilbereiche Didaktik, Translationswissenschaft und transversale Sektionen
Im Portugiesischunterricht der Gegenwart eröffnen neue Technologien ein Feld, in dem sich die Frage nach sprachlicher Hierarchisierung neu stellt. Algorithmen, digitale Plattformen und multi-modale Inhalte sind an der Produktion und Reproduktion sprachlicher Normen beteiligt. Wie entwickeln sich historische Dominanzverhältnisse unter diesen neuen technologischen Bedingungen weiter? Angesichts der plurizentrischen Struktur des Portugiesischen ist eine kritische digitale Didaktik erforderlich, die die in diese Technologien eingeschriebenen Biases reflektiert und eine bewusste, reflexive Aneignung fördert (vgl. Reimann et al. 2025). Aus dieser Perspektive wird Sprachunterricht als Kulturtechnik verstanden, die gleichermaßen normative Ordnungen reproduzieren wie auch emanzipatorische Praktiken ermöglichen kann.

Ein besonders relevantes Feld stellt in diesem Zusammenhang auch der Unterricht des Portugiesischen als Herkunftssprache in mehrsprachigen Kontexten dar (vgl. Cunha et al. 2023). Ein plurizentrischer und interkultureller Ansatz, gestützt auf soziolinguistische Reflexion, vermag historisch stigmatisierte Repertoires zu legitimieren und ihrer Abwertung entgegenzuwirken. In diesem Sinne tragen Konzepte der Heritage Language Education dazu bei, Hierarchien abzubauen und inklusivere sowie emanzipatorische pädagogische Räume zu schaffen. Aus dieser dreifachen Perspektive – technologisch, soziolinguistisch und kritisch – versteht sich die Didaktik nicht lediglich als Vermittlung sprachlicher Kompetenzen, sondern als transformative kulturelle Praxis, die unmittelbar in die Machtverhältnisse des lusophonen Raums eingreift.

Aus translationswissenschaftlicher Sicht bieten sich für das Sprachenpaar Deutsch/Portugiesisch multiperspektivische Anknüpfungspunkte: Aspekte der Übersetzung von fachsprachlichen oder literarischen Texten, die Sprachmittlung im öffentlichen Bereich (Urkundenübersetzen, Polizei- und Gerichtsdolmetschen), aber auch Gebärdensprachen und deren länderspezifische Ausprägungen (Deutsche Gebärdensprache, Lingua brasileira de sinais, Língua Gestual Portuguesa) sowie die gesetzlichen Grundlagen hierzu. In der aktuellen Forschung und Praxis steht auch zunehmend die Einbindung von maschinellen (oft mehrsprachigen) Übersetzungssystemen in Verbindung mit KI-Systemen im Vordergrund. Auch Beiträge zum institutionellen Gebrauch von Translationsprodukten für das Sprachenpaar Portugiesisch/Deutsch (EU, Internationale Organisationen) bieten Raum für Untersuchungen.

Der 17. Lusitanistentag nimmt diese vielgestaltige Perspektive ein, um die fundamentale Ambivalenz sprachlicher und literarischer Kulturtechniken in lusophonen Kontexten zu ergründen. Im Einklang mit der Vorstellung von einer selbstreflexiven Philologie und Kulturwissenschaft, die auch Herrschaftsverhältnisse mitdenken kann, zielt die Tagung darauf ab, die Mechanismen der Macht in Sprache und Literatur offenzulegen und gleichzeitig ihre emanzipatorischen Potenziale auszuloten.

Kongresssprachen sind wie üblich Portugiesisch, Galicisch und Deutsch. Der Deutsche Lusitanistenverband (DLV) und die Universität Heidelberg laden Wissenschaftler:innen aus verschiedenen Fachbereichen ein, gemeinsam der Frage nachzugehen, wie die Kulturtechniken der Sprache und Literatur an der Etablierung und Transformation sozialer Ordnungen partizipieren. Willkommen sind Sektionsvorschläge von etablierten Forschenden ebenso wie von Nach-wuchswissenschaftler:innen sowie von Fachexpert:innen. Bitte senden Sie Ihre Vorschläge bis zum 30.09.2026 an den Präsidenten des DLV, Prof. Dr. David Gerards (david.gerards@uni-mainz.de). Aus diesen wird der Vorstand des DLV gemeinsam mit dem lokalen Ausrichterteam bis zu 12 Sektionen auswählen und behält es sich vor, falls nötig, auch Zusammenlegungen von Sektionen vorzuschlagen. Der Kongress ist als Präsenzkongress konzipiert; nur in Einzelfällen sind Online-Vorträge in Sektionen auf vorherige Beantragung möglich. Sie bleiben allerdings auf begründete Ausnahmen beschränkt. Die Präsenz der Sektionsleitenden vor Ort ist verpflichtend. Geben Sie bei Ihrer Einreichung eines Sektionsvorschlags bereits einen potenziellen Sektionsgast (bei Einladung aus Übersee) oder zwei potenzielle Sektionsgäste (bei Einladungen aus Europa) an, für dessen bzw. deren Reisekosten Sie eine Finanzierung anstreben. Fügen Sie Ihrem Einladungsvorschlag bitte eine Kurzvita (ca. 5–10 Zeilen) sowie ein mögliches Vortragsthema bzw. eine Begründung des thematischen Bezugs und der Relevanz des Gastes/der Gäste für Ihre Sektion bei.