Zum Stand der lusitanistischen Sprachwissenschaft

Eberhard Gärtner (Leipzig)

Einige Bemerkungen zu Stand und Aufgaben der lusitanistischen Sprachwissenschaft

1 Zur internationalen Bedeutung
der portugiesischen Sprache

Gegenstand der lusitanistischen Sprachwissenschaft ist die wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung der Entstehung des Portugiesischen aus dem Lateinischen und seiner Entwicklung, die Herausbildung seiner diatopischen, diastratischen, diaphasischen, diamedialen und anderer Varietäten, deren Beschreibung aus systemtheoretischer Sicht sowie die Analyse der Entwicklung der Methoden seiner wissenschaftlichen Beschreibung im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext der Entwicklung der allgemeinen Sprachtheorie.

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Die Lusitanistik beschäftigt sich mit einer Sprache, die heute auf vier Kontinenten von etwa 200 Millionen Menschen gesprochen wird. In Portugal und Brasilien, dem größten ‚romanischsprachigen‘ Land, ist Portugiesisch die einzige Muttersprache der gesamten Bevölkerung. (1) In Mosambik und Angola ist es die offizielle Staatssprache, und die Zahl der Sprecher, die Portugiesisch als Zweitsprache sprechen, nimmt ständig zu. In Guinea-Bissau, auf den Kapverden, auf São Tomé und Príncipe, wo Kreolsprachen als supratribales Kommunikationsmittel verwandt werden, ist es ebenfalls offizielle Sprache, vor allem im Verkehr mit dem Ausland. Schließlich gibt es in Asien, unter anderem in Indien (Goa), in Indonesien (Ost-Timor) und in China (Macau), noch lusophone Kommunikationsgemeinschaften.

Die portugiesischsprachigen Länder haben in der Vergangenheit ganz unterschiedliche Rollen in der internationalen Staatengemeinschaft gespielt. Entsprechend unterschiedlich war die Rolle des Portugiesischen als Kommunikationsmittel dieser Länder.

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Portugal, das durch seine überseeische Expansion und die großen geographischen Entdeckungen im 15. und 16. Jahrhundert das mittelalterliche Weltbild entscheidend verändert und eine neue Epoche der Weltgeschichte eingeleitet hatte, verlor Ende des 16. Jahrhunderts nicht nur diese Führungsrolle an die Niederlande und England, sondern für sechzig Jahre (1580-1640) auch die nationale Selbständigkeit an die spanische Krone. Nach der Wiedergewinnung seiner staatlichen Unabhängigkeit (1640) bis zur Nelkenrevolution 1974 blieb die Außenpolitik Portugals, das in Europa nur einen Alliierten, das seit 1383 als Schutzmacht vor allem gegen Kastilien/Spanien fungierende England, hatte, auf seine Kolonien in Amerika (Brasilien), Afrika und die Reste seines Kolonialreiches in Asien (z. B. Goa, Damão, Diu in Indien, Ost-Timor, Macau) gerichtet. Nach der Unabhängigkeit Brasiliens (1822) waren es neben den asiatischen besonders die afrikanischen Kolonien, die als sogenannte Überseeprovinzen eines multikontinentalen Portugal dessen wirtschaftliches und politisches Überleben ohne mehr als die notwendigsten Verbindungen zu Europa (Mitgliedschaft in NATO und EFTA) sichern sollten. (2)

Erst die Nelkenrevolution vom 25. April 1974 und der damit verbundene Wegfall der gesicherten Absatzgebiete, eine realistische Einschätzung der neuen Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien und zu Portugals europäischen Nachbarn, insbesondere zu Spanien und Großbritannien, brachten die portugiesische Außenpolitik zur Aufgabe der jahrhundertelangen Isolation und zu einer Wiederannäherung an Europa, (3) die mit dem Beitritt zur Europäischen Union am 1. Januar 1986 ihre formale Vollendung fand. Der EU-Beitritt Portugals hat zu einer Veränderung seiner Außenhandelsstruktur geführt. Deutschland, das bereits vor Portugals EU-Beitritt intensive Handelsbeziehungen mit Portugal hatte, ist zum wichtigsten Zielland für portugiesische Produkte aufgestiegen, (4) wobei insbesondere das Erstarken des Kraftfahrzeugbaus und die Produktion elektrotechnischer Erzeugnisse in Portugal eine Rolle spielen. (5)

Daß Portugal seit seiner Entstehung im 12. Jahrhundert eine reiche Kultur, darunter auch eine beachtliche Literatur in portugiesischer Sprache hervorgebracht hat, ist in Deutschland außerhalb enger Fachkreise bisher viel zu wenig beachtet worden.

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Brasilien, von 1500 bis 1822 portugiesische Kolonie, hat seit seiner Gründung als unabhängiger Staat seine internationale Position ständig ausgebaut und ist heute als sogenanntes Schwellenland infolge der fortschreitenden Industrialisierung und der daraus resultierenden, ständig zunehmenden Diversifizierung seiner Exportwirtschaft, insbesondere der steigenden Präsenz auch technologisch anspruchsvoller Industrieprodukte (6) nicht nur ein wichtiger Außenhandelspartner Deutschlands bzw. der EU, sondern steht auch als Investitionsland für die deutsche Wirtschaft in Lateinamerika an zweiter Stelle hinter Mexiko (7) und ist der wichtigste Partner der deutschen entwicklungspolitischen Zusammenarbeit in Lateinamerika. (8) Auch auf kulturellem Gebiet hat Brasilien bedeutende Leistungen in portugiesischer Sprache hervorgebracht, die in Deutschland noch viel zu wenig rezipiert worden sind, nicht zuletzt wohl infolge des insgesamt noch unzulänglichen Lehrangebots für die Erlernung des Portugiesischen und die geradezu stiefmütterliche Behandlung des Portugiesischen an traditionellen Romanischen Seminaren, die kleineren Sprachen wie dem Italienischen bisher weit mehr Raum einräumten als der Weltsprache Portugiesisch.

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Nach der Unabhängigkeit Brasiliens und besonders nach der Aufteilung Afrikas auf der Berliner Konferenz (1885) konzentrierte sich die portugiesische Außenpolitik, wie bereits erwähnt, auf die verbliebenen Kolonien in Afrika. Es begannen die Inbesitznahme des Landesinneren des heutigen Angola und Mosambik sowie eine stärkere Auswanderung portugiesischer Kolonisten vor allem in diese Länder. In diese Zeit fällt auch die stärkere Verbreitung des Portugiesischen zumindest unter der städtischen Bevölkerung. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit 1975 haben diese Staaten das Portugiesische als offizielle Sprache beibehalten und (z. B. in Mosambik, wo es wegen der Vielzahl afrikanischer Sprachen im Land von der Befreiungsbewegung FRELIMO als supratribales Kommunikationsmittel und als Mittel im Kampf gegen Tribalismus eingesetzt wurde,) auch zur Grundlage der Alphabetisierung gemacht. Auf São Tomé und Príncipe, den Kapverden und in Guinea-Bissau, wo sich portugiesischbasierte Kreolsprachen zur Nationalsprache entwickelt haben bzw. entwickeln, dient Portugiesisch vor allem als Mittel in der internationalen Kommunikation.

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Die wichtigsten lusophonen Kommunikationsgemeinschaften in Asien finden sich heute in den ehemaligen portugiesischen Besitzungen in Indien, vor allem in Goa, in dem von Indonesien beherrschten Ost-Timor sowie in Macau, das Ende dieses Jahres von China übernommen wird. Die gemeinsame portugiesisch-chinesische Erklärung über die Zukunft Macaus sieht die Schaffung einer Besonderen Verwaltungsregion Macau für fünfzig Jahre vor, für die unter anderem auch der offizielle Gebrauch des Portugiesischen festgeschrieben ist. Ein spezielles, seit 1987 laufendes «Programm zum Studium in Portugal» soll der Heranbildung von zweisprachigen Beamten und der Förderung des Bilinguismus in Macau dienen. (9) 

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Die sieben portugiesischsprachigen Länder Europas, Amerikas und Afrikas haben sich am 17. Juli 1996 zur Comunidade dos Países de Língua Portuguesa (CPLP), einer vor allem auf der kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeit basierenden, dem Commonwealth ähnlichen Gemeinschaft zusammengeschlossen, deren Ziele erstens im abgestimmten politisch-diplomatischen Auftreten der Mitgliedsländer auf internationaler Ebene, insbesondere mit dem Ziel der Stärkung ihrer Präsenz in internationalen Foren, zweitens in der Zusammenarbeit vor allem auf wirtschaftlichem, sozialem, kulturellem, juristischem und wissenschaftlich-technischem Gebiet sowie drittens in der Durchführung von Projekten zur Förderung und Verbreitung der portugiesischen Sprache (10) bestehen. Organe der CPLP sind das alle zwei Jahre stattfindende Gipfeltreffen, ein aus den Außenministern der sieben Länder bestehender Ministerrat, ein Komitee für ständige Zusammenarbeit sowie ein Exekutivsekretariat. (11) Das abgestimmte politisch-diplomatische Auftreten äußert sich bereits in der gemeinsamen Forderung nach einem ständigen Platz Brasiliens im UN-Sicherheitsrat. Die Förderung und Verbreitung der portugiesischen Sprache wird sich primär auf den Erhalt und Ausbau des Portugiesischen in Afrika (etwa durch Zusammenarbeit im Verlagswesen bei der Erstellung von Lehr- und Lernmitteln), aber auch auf die Anerkennung des Portugiesischen in internationalen Gremien richten. Voraussetzung dafür ist unter anderem die Herbeiführung einer einheitlichen Orthographie des Portugiesischen, die zur Zeit eine europäische und eine brasilianische Norm hat. Unabhängig davon, wie sich die Entwicklung der aufgrund der Einbindung einzelner Mitgliedstaaten in verschiedene andere internationale Vereinigungen sicher nicht unkomplizierten Zusammenarbeit innerhalb dieser Gemeinschaft im einzelnen gestaltet, ist damit zu rechnen, daß die lusophonen Länder – ähnlich wie die frankophonen und anglophonen – in Zukunft stärker als bisher mit einer Stimme sprechen werden, und sie werden dies in portugiesischer Sprache tun.

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Zusammenfassend kann also festgestellt werden, daß das Portugiesische von einer wachsenden Sprecherzahl in sieben politisch selbständigen Ländern auf drei Kontinenten gesprochen wird, die eine immer größere wirtschaftliche, politische und kulturelle Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft spielen. Dies hat bereits zu einer zunehmenden Bedeutung des Portugiesischen als internationalen Kommunikationsmittels geführt. Eine steigende Nachfrage nach portugiesischen Sprachkursen an Volkshochschulen, Universitäten und allgemeinbildenden Schulen sowie steigende Immatrikulationszahlen für Lusitanistik zeigen, daß die Zeichen der Zeit auch verstanden werden und Portugiesisch als zweitgrößte romanische Sprache nach dem Spanischen in Deutschland vermehrt gelernt und studiert wird.

2 Das Portugiesische als Gegenstand
lusitanistischer und romanistischer Linguistik

Das Portugiesische ist eine Sprache der sogenannten Randromania und weist daher eine Reihe von Merkmalen auf, die es für die romanistische Sprachwissenschaft interessant machen.

Sein Entstehungsgebiet ist der Nordwesten der Iberischen Halbinsel, der erst kurz vor der Zeitenwende – zweihundert Jahre nach dem Osten und Süden – von der sprachlich konservativen Provinz Baetica her erobert und wegen des starken Widerstands der vorrömischen Bevölkerung erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert im Zuge der Verbreitung des Christentums relativ spät und wahrscheinlich nur oberflächlich romanisiert wurde. Im Ergebnis der Romanisierung und Latinisierung der Iberischen Halbinsel steht ein archaischer Südwesten/Westen einem im lautgesetzlichen Sinne progressiven Osten/Nordosten gegenüber.

Der Einfall germanischer und anderer Völkerschaften im Zuge der Völkerwanderung bewirkte den Zusammenbruch der römischen Herrschaft und die Etablierung des Suebenreiches auf dem Territorium der römischen Provinz Gallaecia (409), das auch nach seiner Annexion durch das Westgotenreich (583/585) bis zum Arabereinfall 711 eine relative Selbständigkeit behielt. Die Folge war nicht nur die Isolierung der Halbinsel von der übrigen Romania, was einerseits eine Abkopplung von der gesamtromanischen Entwicklung und andererseits die Auslösung iberoromanischer Eigenentwicklungen im hispanischen Sprechlatein begünstigte, sondern auch die Isolierung des Nordwestens von der übrigen Halbinsel, was die seit der Romanisierung bestehenden archaischen Züge im Lautsystem und in der Grammatik weiter verstärkte und zur Herausbildung erster Merkmale der späteren Sprachgrenze zum Asturo-Leonesischen (und noch deutlicher zum Kastilischen, z. B. Nichtbeteiligung an der kastilischen Diphthongierung: lat. ponte(m) > kast. puente , aber port. ponte; lat. petra(m) > kast. piedra, aber port. pedra) führte.

Die arabische Eroberung der Halbinsel im Jahre 711 – nach der Romanisierung das wichtigste Ereignis für die Entwicklung der sprachlichen Gliederung der Halbinsel – erreichte den Nordwesten nur flüchtig und marginal und führte insgesamt zu einer Nord-Süd-Trennung, welche die alte Ost-West-Trennung überlagerte. Während im Süden ein Teil der unter maurischer Herrschaft verbliebenen einheimischen Bevölkerung, die sogenannten Mozaraber, ihren christlichen Glauben und ihre romanische Sprache auf dem Entwicklungsstand des frühen 8. Jh. bewahrte (das im spanischen Teil der Halbinsel bruchstückhaft überlieferte Mozarabisch), entstehen im Norden im 8. und 9. Jh. christliche Feudalstaaten und verschiedene, mit deren Territorien grob kongruente iberoromanische Dialekte, die sich in Abhängigkeit von politisch-militärischen Umständen in der Folgezeit zu eigenständigen Sprachen entwickeln (Galicisch-Portugiesisch, Asturo-Leonesisch, Kastilisch, Navarro-Aragonesisch und Katalanisch).

Die schnelle Rückeroberung Galiciens (um 750) durch das in der westgotischen Nachfolge stehende Asturien (ab dem 10. Jahrhundert Asturien-León), die Eroberung von Tuy und Porto in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und die Wiederbesiedelung Nordportugals mit Galiciern und Leonesen konsolidierten den alten einheitlichen Kultur- und Sprachraum. Der dort zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert entstehende iberoromanische Dialekt wurde als ‚Galicisch-Portugiesisch‘ bezeichnet, da er die gemeinsame, noch weitgehend einheitliche Vorstufe sowohl des Galicischen als auch des Portugiesischen darstellte. Charakteristisch für diesen Dialekt sind die bereits erwähnten archaischen Merkmale, deren Zahl sich durch Nichtbeteiligung an weiteren Sprachwandelprozessen im Kastilischen (f- > h-: filiu(m)hijo) und im Katalanischen noch erhöhte.

Daneben traten nach der asturisch-leonesischen Eroberung im 8./9. Jahrhundert (möglicherweise substratbedingte) phonetisch-phonologische Eigenentwicklungen, die, vom Nordwesten ausgehend, das kastilische Sprachgebiet nur in abgeschwächter Form erreichten (lat. pl-, cl-, fl- > altport. ch- [t] (pluvia(m) > chuvaclave(m) > chaveflamma(m) > chama ; kast. lluviallavellama) oder ganz auf den galicisch-portugiesischen Raum beschränkt blieben, wie der Ausfall von intervokalischem -l- (velu(m) > véu [Ende des 10. Jahrhunderts belegt] und -n- (luna(m) > (la) (11. Jahrhundert). Im Unterschied zu dem bis ins 11. Jahrhundert unter maurischer Herrschaft stehenden Gebiet südlich des Mondego ist im Galicisch-Portugiesischen die Wirkung des arabischen Adstrats kaum spürbar.

Ausdruck des archaischen Charakters des Portugiesischen (und in etwas geringerem Maße der anderen iberoromanischen Sprachen) ist die relativ große Nähe seines phonologischen Systems, insbesondere seines Vokalismus, zum Sprechlatein der Kaiserzeit. Dies dürfte wesentlich länger als im Frankenreich ein code-switching, das wohl eher als register-switching empfunden worden sein dürfte, ermöglicht haben und eine wichtige sprachimmanente Erklärung für die im Vergleich zum Französischen relativ späte Verschriftung der iberoromanischen Sprachen sein.

Was im Frankreich die Karolingische Reform zu Beginn des 9. Jahrhunderts für die Bewußtwerdung des Unterschieds zwischen romanischer Volkssprache und lateinischer Schriftsprache geleistet hatte, hat auf der Iberischen Halbinsel wohl erst die Kluniazensische Reform im 11. Jahrhundert bewirkt.

Ende des 11. Jahrhundert kam es zur politischen Aufteilung des galicisch-portugiesischen Sprachraums in zwei voneinander politisch unabhängige Staatsgebilde: Galicien und die Grafschaft Portugal, welche im 12. Jahrhundert zu einem von Kastilien-León unabhängigen Königreich aufstieg, das sich im 12. Jahrhundert bis an den Tejo ausdehnte und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts (bis 1249) den Süden eroberte. Damit war der erste europäische Staat in seinen heutigen Grenzen etabliert. In der Folgezeit wurde das Staatswesen auf dem gesamten Territorium organisiert.

In den hinzugewonnenen Gebieten wurden ‚Reconquistadoren‘ aus dem Norden angesiedelt. Dadurch kamen zwei unterschiedliche Entwicklungsstufen des Iberoromanischen des Westens der Halbinsel in Kontakt: das im Norden entstandene Galicisch-Portugiesische und das im Süden bewahrte Mozarabische. Das Ergebnis war ein Ausgleichsprozeß, der zur Entstehung der sogenannten Lissabonner Gemeinsprache führte, in der die wichtigsten Besonderheiten der verschiedenen Varietäten des Nordens elimiert wurden, die damit Dialektstatus erhielten.

Als eine Folge der Entstehung des portugiesischen Staatswesens muß wohl auch die Verschriftung des Galicisch-Portugiesischen gesehen werden, die im 12. Jahrhundert eingesetzt haben dürfte und deren erste Zeugnisse vom Anfang des 13. Jahrhunderts überliefert sind. Etwa zur gleichen Zeit wurde das Galicisch-Portugiesische zur Kunstsprache der Lyrik entwickelt und als solche bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts auf der ganzen Halbinsel (auch am kastilischen Hof) gepflegt.

Der Entwicklung der Reconquista folgend verlegten die portugiesischen Könige ihre Residenz schrittweise nach Süden. Damit wurde der Raum Coimbra-Santarém-Lissabon-Évora zum politischen Zentrum des Landes und der Sprachgebrauch des Ausgleichsgebiets zur Grundlage der Schriftsprache der höfischen Kanzlei. Das stellt einen wesentlichen Unterschied zu Spanien dar, dessen Schrift- und Literatursprache sich im kastilischen Sprachgebiet (Burgos / Toledo) und nicht im Gebiet des kastilisch-mozarabischen Sprachkontakts im Süden entwickelte. So sind bestimmte Merkmale älteren Sprachgebrauchs im Spanischen die Norm und im Portugiesischen dialektal, während Ergebnisse des Ausgleichsprozesses in Portugal die Norm sind und in Spanien dialektalen Status haben.

Der normierende Einfluß der höfischen Kanzlei beeinflußte seit der Mitte des 14. Jahrhunderts den schriftsprachlichen Gebrauch im Norden Portugals, während nördlich des Minho ein solches normierendes Zentrum fehlte und sich gleichzeitig der Einfluß des Kastilischen verstärkte. So kann ab der Mitte des 14. Jahrhunderts von einer getrennten Entwicklung des Galicischen und des Portugiesischen gesprochen werden, wenngleich beide Sprachen bis heute sehr eng verwandt geblieben sind. Bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts vollzog sich die Herausbildung der klassischen portugiesischen Schriftsprache, für die mit der frühbürgerlichen Revolution von 1383/1385, der Sicherung der nationalen Unabhängigkeit (Sieg Portugals über Spanien bei Aljubarrota 1385) und der Inthronisierung der Dynastie Avis günstige Entwicklungsbedingungen entstanden waren. Die am Hofe entstehende Literatur (Geschichtsschreibung, didaktische Prosa) bildete das Kernstück der Entwicklung der portugiesischen Schriftsprache.

Gleichzeitig kame es in der Folge der 1415 beginnenden überseeischen Expansion Portugals nach Afrika und später nach Asien und Amerika zur Ausbreitung des Portugiesischen in den Küstenbereichen dieser Kontinente, welche die bereits skizzierte Verbreitung dieser Sprache in der Gegenwart begründete.

Im 16. Jahrhundert kamen im Portugiesischen – wie in den übrigen iberoromanischen Sprachen – einige langfristige Entwicklungen im phonischen und grammatischen Bereich zum Abschluß. Dadurch entstanden die sprachinternen Voraussetzungen für die Entwicklung der als klassisch geltenden Literatursprache des 17. Jahrhunderts.

Der Einfluß der italienischen Renaissance und des Vulgärhumanismus führte zum Beginn der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Portugiesischen und zur Entstehung der ersten Grammatiken, orthographischen Traktate und Wörterbücher.

Die Gegenreformation und das Bildungsmonopol der Jesuiten stärkten gegen Ende des 16. Jahrhunderts jedoch erneut die Rolle des Lateins und seines Einflusses auf die Literatursprache, der erst im 18. Jahrhundert durch die geistig-kulturelle Erneuerung unter Pombal einer erneuten Zuwendung zum Portugiesischen wich, die einerseits den muttersprachlichen Unterricht dauerhaft begründete und trotz verschiedener Rückschläge letztlich im 19. Jahrhundert zu einer Erneuerung der Schrift- und Literatursprache von der gesprochenen Sprache her führte.

Im 18. Jahrhundert kam es – relativ spät im Vergleich zu anderen romanischen Sprachen – noch einmal zu einer Reihe von phonetisch-phonologischen Veränderungen (mit zum Teil morphosyntaktischen Konsequenzen), welche die phonische Gestalt des europäischen Portugiesisch radikal veränderten und es gleichzeitig von seinen überseeischen Varianten, die in der Regel den Entwicklungsstand des 16. und 17. Jahrhunderts bewahren, entfernten. Im grammatischen Bereich kam es zu einer (erneuten) Umgestaltung des Anredesystems (weitgehender Wegfall der 2. Person Plural) sowie zum weiteren Rückgang von primär oder sekundär synthetischen Verbformen zugunsten ihrer analytischen Äquivalente sowie zur Ersetzung des Gerundiums durch den präpositionalen Infinitiv mit in verschiedenen Konstruktionen ( estou falando > estou a falar). Alle diese Veränderungen erfolgten zunächst in der gesprochenen Sprache und drangen nach der Liberalen Revolution von 1820 über die damals entstehende Presse sowie über die romantische Literatur in die Schriftsprache ein.

Die sprachlichen Ergebnisse der Ausbreitung des Portugiesischen im 15.-16. Jahrhundert nach Afrika, Asien und Amerika, welche letztlich die Entstehung der gesamten Neuen Romania einleitete, waren – was das Portugiesische anbetrifft – sehr vielfältig.

Für das europäische Portugiesisch, und von hier aus für andere europäische Sprachen, brachte sie vor allem eine lexikalische Bereicherung um die Bezeichnungen von zahlreichen, bis dahin in Portugal und Europa unbekannten Realia der neu entdeckten Regionen.

An der afrikanischen Westküste, aber auch an der Küste des heutigen Mosambik sowie in Asien, wo sich ein intensiver Handelsaustausch entwickelte, entstanden portugiesischbasierte Pidgins, die sich vielfach zu eigenständigen Sprachen, den portugiesischbasierten Kreolsprachen, weiterentwickelten, die heute teils als supratribales Kommunikationsmittel (Guinea-Bissau) die Verständigung über einheimische Stammes(sprach)grenzen hinweg ermöglichen, teils zu offiziellen Staatssprachen ausgebaut werden («Kabuverdianu»). In der Zeit des Sklavenhandels zwischen Afrika und den Kolonien europäischer Länder in Amerika wurden portugiesischbasierte Pidgins im gesamten vom Sklavenhandel betroffenen Raum verbreitet. Das gilt vor allem für Brasilien, aber auch für den karibischen Raum. So weisen die Kreolsprachen «Palenquero» (Kolumbien), «Papiamento» (niederländische Antillen) und die «Habla bozal» (Kuba) durchaus portugiesische Elemente auf. (12)

Eine Entwicklung eigener Art hat das Portugiesische in Brasilien erlebt. Die zunächst geringe Anzahl der portugiesischen Kolonisten und der hohe Anteil afrikanischer Sklaven an der Bevölkerung des Kolonialgebiets sowie der Sprachkontakt mit der indianischen Urbevölkerung in den Randgebieten der Kolonie (São Paulo, Maranhão, Pará) muß nach der plausiblen Auffassung vieler Sprachhistoriker zu einem oder mehreren Pidgins geführt haben, die zwar nicht überliefert sind, für deren frühere Existenz sich aber Evidenzen in der heutigen Sprache der Landbevölkerung und der untersten sozialen Schichten der Stadtbevölkerung finden. Der Verlust der meisten portugiesischen Kolonien an die Niederlande im 17. Jahrhundert und die Entdeckung von Gold und Diamanten um 1700 in Brasilien führten zu einer verstärkten Orientierung Portugals auf die Ausbeutung der Kolonie Brasilien, welche die Entwicklung einer portugiesischen Kolonialverwaltung und eine stärkere Einwanderung aus Portugal nach sich zog, die wiederum das portugiesische Element in der Bevölkerung und die Rolle des Portugiesischen in der Kommunikation verstärkte. Es kam nicht nur zur Durchsetzung des Portugiesischen als Kommuniktionsmittel im gesamten damals erschlossenen Territorium (vor allem gegen die tupi-basierte língua geral), sondern auch zu einer deutlichen Entkreolisierung bzw. Relusitanisierung (reaportuguesamento) der Sprache der städtischen Bevölkerung, die im Falle von Rio de Janeiro eine spürbare Verstärkung erhielt, als 1807 mit dem portugiesischen Hof Tausende Portugiesen vor den napoleonischen Truppen nach Brasilien flohen. Rio de Janeiro wurde zu einer kulturell wie sprachlich portugiesisch dominierten Stadt, von der aus anderthalb Jahrzehnte lang das gesamte portugiesische Weltreich regiert wurde. Die Folge sind einige bis heute bestehende phonetische Gemeinsamkeiten des Carioca-Dialekts mit dem europäischen Portugiesisch. Die Ergebnisse des Sprachkontakts in der Kolonialzeit waren jedoch so tiefgreifend und wurden von einer so breiten Bevölkerung getragen, daß sie nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Vielmehr sind morpho-syntaktische Phänomene, die noch im 19. Jh. als grobe Verstöße gegen die normative Grammatik und als typisch für nicht alphabetisierte Sprecher bewertet wurden, inzwischen zu ganz normalen Bestandteilen informeller Register auch gebildeter Sprecher geworden und bereits in bestimmte Bereiche der Schriftsprache eingedrungen. Es hat sich also in Brasilien eine eigenständige Varietät des Portugiesischen mit einer eigenen, für einige sprachliche Ebenen (Orthoepie, Orthographie, Lexikon) auch verbindlich fixierten Norm herausgebildet. Der Dokumentation, Beschreibung und Erklärung der verschiedenen diastratischen, diaphasischen und diatopischen Varietäten des brasilianischen Portugiesisch widmen sich heute mehrere groß angelegte Forschungsprojekte in Brasilien (siehe im folgenden).

Eine andere Entwicklung nahm das Portugiesische in Angola und Mosambik. Auch hier beschränkte sich der Kontakt mit den afrikanischen Sprachen bis ins 19. Jahrhundert auf die Küstengebiete. Zum Sprachkontakt in größerem Umfang kam es erst nach der Berliner Konferenz von 1885, als die Kolonisierung des Landesinneren begann. Er betraf jedoch nur einen geringen Teil der Bevölkerung, vor allem in den Städten. Spuren früheren Sprachkontakts im heutigen Portugiesisch dieser Länder sind bisher nicht verbindlich nachgewiesen. So war es also das Portugiesisch des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das in diesen Ländern in breiterem Umfang in Kontakt mit den afrikanischen Sprachen trat. Das erklärt einige Unterschiede, die sich zwischen den Ergebnissen des portugiesisch-afrikanischen Sprachkontakts in Brasilien einerseits und in Angola bzw. Mosambik andererseits ausmachen lassen. Die Tatsache, daß in Brasilien und in Afrika dieselben Sprachen (Sudan- und Bantusprachen), deren wesentliche typologische Merkmale sich zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert nicht grundlegend gewandelt haben dürften, mit dem Portugiesischen in Berührung getreten sind, erklärt andererseits eine Vielzahl von Übereinstimmungen, vor allem in den Substandard-Varietäten.

Die vorangehenden Ausführungen sollten andeutungsweise verdeutlichen, daß die Entstehung und Entwicklung des Portugiesischen eine Reihe von Besonderheiten aufweist, die seine Entwicklung von der des Kastilisch-Spanischen unterscheiden und eine eigenständigen Beschreibung und Erklärung, die den Blick auf seine iberoromanischen Nachbarsprachen und die Gesamtheit der romanischen Sprachen selbstverständlich einschließt, rechtfertigen, ja erforderlich machen. Die Entwicklung des Portugiesischen hat eine Reihe von sprachtypologischen Besonderheiten hervorgebracht, die seit der Entstehung der Romanischen Philologie immer wieder thematisiert worden sind, da ihre Beachtung weitreichende Konsequenzen unter anderem für die allgemeine Sprachtheorie hat. Dazu gehört vor allem der flektierte Infinitiv. Jüngere Arbeiten zur portugiesischen Grammatik haben unter anderem einen im Vergleich zu anderen romanischen Sprachen, etwa dem Französischen, auffälligen Reichtum an Ausdrucksmitteln für eingebettete / valenzabhängige Propositionen zutage gefördert, deren Gebrauch komplizierten, sprachspezifischen Restriktionen unterliegt, was die portugiesische Syntax zu einer der interessantesten Ausprägungen romanischer Syntax macht.

Dies gilt insbesondere auch für den gesamten Bereich der portugiesischbasierten Kreolsprachen und der Entwicklung des außereuropäischen Portugiesisch. Keine andere romanische Sprache hat eine Verbreitung auf vier Kontinenten erfahren. Keine andere romanische Sprache hat so viele unterschiedliche Entwicklungen erlebt und so viele Pigdin- und Kreolsprachen und Varietäten hervorgebracht. Das ist ein gewaltiges Potential an sprachlichen Fakten, das bisher nur unvollständig aufgearbeitet und theoretisch verarbeitet ist. Hier bieten sich der Lusitanistik der Zukunft noch viele wichtige Aufgaben.

3 Aufgaben und Projekte der gegenwärtigen
lusitanistischen Sprachwissenschaft

Es fehlt noch immer eine gründliche Aufarbeitung der diachronischen Entwicklung des Portugiesischen sowohl in Portugal als auch in den anderen lusophonen Ländern. In der diachronischen Phonologie sind die Datierungen noch immer ungenau. In der historischen Grammatik ist vorwiegend die Morphologie bearbeitet und teilweise auch bereits unter dem Blickwinkel des Systemaspekts interpretiert. Eine wirklich diachrone Syntax fehlt hingegen nahezu ganz. Unter dem Titel «Historische Grammatik» oder «Historische Syntax» erschienene Arbeiten sind nicht mehr als Darstellung der Grammatik bzw. Syntax mit altportugiesischen Beispielen. Es fehlt eine synchrone Schnitte anlegende Aufarbeitung der Syntaxentwicklung auf der Grundlage einer einheitlichen und modernen Erkenntnissen der Systemtheorie genügenden grammatiktheoretischen Grundlage. Erste Ansätze (Mattos e Silva 1989) sind weiter auszubauen.

Ein weiteres, in jüngerer Zeit wieder mehrfach thematisiertes Problem (Bechara 1985; Mattos e Silva 1991; Maia 1995; da Silva 1997) ist die noch immer unbefriedigende Periodisierung der Geschichte des Portugiesischen. Da deutliche Unterschiede in der Konsequenz und Geschwindigkeit, mit der sich Sprachwandelprozesse im Portugiesischen im Vergleich zu den übrigen romanischen Sprachen, vor allem zum Französischen, durchgesetzt haben, zu beobachten sind, ist zu fragen, ob die in der Regel an der Geschichte des Französischen entwickelten Vorschläge zur Periodisierung der Entwicklung der romanischen Sprachen auch tatsächlich auf das Portugiesische übertragbar sind. Auf einige Probleme wurde weiter oben bereits hingewiesen.

Viel zu wenig bearbeitet ist bisher die Entstehung und Entwicklung des brasilianischen Portugiesisch. Ein größeres Projekt einer Geschichte des brasilianischen Portugiesisch, das die philologische Edition von Texten aus der Kolonialzeit, die Analyse der Entwicklung der Syntax sowie den sozialgeschichtlichen Hintergrund einschließt, ist in Brasilien in Vorbereitung. Hier wäre das Mitwirken der deutschen Hochschullusitanistik sinnvoll. Auch für die lusophonen Länder Afrikas steht diese Arbeit noch aus.

Die Erfassung der sprachlichen Realität der Gegenwart ist in Portugal und Brasilien relativ weit fortgeschritten. Die dialektologischen Arbeiten begannen in Portugal um die Jahrhundertwende mit dem Wirken von José Leite de Vasconcelos, setzten sich in den vierziger Jahren mit den Arbeiten von Manuel da Paiva Boléo, insbesondere demInquérito Linguístico por correspondência, fort und fanden mit den Arbeiten von Lindley Cintra zum portugiesischen Teil des Atlas Linguístico da Península Ibéricaihren vorläufigen Höhepunkt. Als Ergebnis liegt ein sehr guter Überblick über die dialektale Gliederung Portugals und ihre Einordnung in die der Iberischen Halbinsel vor. Die dialektologische Forschung in Brasilien begann bereits 1920. In einer ersten, vorwissenschaftlichen Phase trugen vorwiegend Nichtphilologen sehr viele Fakten zusammen, die bis heute Bestand haben. Ende der fünfziger Jahre bemühten sich Serafim da Silva Neto und Antenor Nascentes in Rio de Janeiro und Nelson Rossi in Salvador um die wissenschaftliche Grundlegung der Sprachgeographie. Inzwischen liegen Sprachatlanten von fünf brasilianischen Bundesstaaten (Bahia, Minas Gerais, Paraíba, Sergipe und Paraná) vor, fünf weitere (Ceará, São Paulo, Rio de Janeiro, Região Sul, Acre) sind in Vorbereitung. (13) In Angriff genommen ist ebenfalls das Projekt eines gesamtbrasilianischen Sprachatlanten. Sowohl in Portugal als auch in Brasilien ist neben der Erfassung der Sprache der ländlichen Gebiete auch die der gebildeten städtischen Sprecher im Gange.

Am Centro de Linguística da Universidade de Lisboa wurde von 1970 bis 1987 das Projekt Português fundamental betrieben, das auf der Grundlage von 1800 Gesprächsaufzeichnungen Grundlagen für die Vermittlung des gesprochenen Portugiesischen als Zweit- bzw. Fremdsprache erarbeitet hat. Gegenwärtig verfügt das Centro über ein mehr als siebzig Millionen Wörter umfassendes Corpus nicht nur des europäischen, sondern auch des außereuropäischen Portugiesisch, auf dessen Grundlage verschiedene Forschungsprojekte (Kollokationswörterbuch, Gesprochene Sprache – geographische und soziale Varietäten und andere) realisiert wurden und werden.

Aus der deutschen Hochschullusitanistik ist erfreulicherweise ein eigenständiger, an der Universität Hamburg auf der Grundlage empirischer Untersuchungen entstandener Beitrag zur Erforschung des gesprochenen (europäischen) Portugiesisch zu nennen, der in Kürze in Buchform erscheinen wird (Fátima Brauer: Gesprochenes Portugiesisch, Frankfurt am Main: TFM, 1998).

In Brasilien läuft seit 1968 das Projekt NURC («Norma Urbana Culta»), das die gesprochene Sprache von Sprechern mit Hochschulabschluß in den Städten Recife, Salvador, Rio de Janeiro, São Paulo und Porto Alegre dokumentiert. Außer einem Teil der Gesprächsmitschnitte sind bereits zahlreiche Analysen des Corpus erschienen, die in nächster Zukunft zu einer «Grammatik des gesprochenen Portugiesisch» führen werden.

Auch soziolinguistische Varietäten des Portugiesischen in Portugal und Brasilien sind Gegenstand der Forschung. Sie werden vor allem in Brasilien auf der Grundlage der von Labov entwickelten soziolinguistischen Methoden betrieben und in Termen der Generativen Grammatik präsentiert.

Mit der Erfassung der sprachlichen Realität der Gegenwart ist auch die Frage nach den theoretischen Grundlagen der Beschreibung verbunden. Nachdem sowohl in Portugal als auch in Brasilien die in der Nachfolge von Ferdinand de Saussure entstandenen Schulen der strukturellen Linguistik zunächst wegen der Orientierung auf Philologie und Dialektologie kaum Widerhall gefunden hatten, ganz zu schweigen von der Generativen Grammatik und den in ihrer Nachfolge entstandenen Theorien (Kasusgrammatik, Generative Semantik, Functional Grammar usw.), hat sich die Situation seit den späten sechziger Jahren grundsätzlich geändert.

In Brasilien verbreiteten Joaquim Mattoso Câmara (Rio de Janeiro) und Henri Aubreton (São Paulo) die Theorien und Methoden des amerikanischen Deskriptivismus bzw. des französischen Strukturalismus (Martinet). An der 1970 neugegründeten Universität Campinas wurde erstmalig in Brasilien die Linguistik als selbständige, von der Philologie alter Prägung und der Literaturwissenschaft unabhängige Disziplin etabliert. In den siebziger Jahren wurden dann auch an vielen anderen brasilianischen Universitäten zumindest Postgraduiertenstudiengänge in Linguistik eingerichtet. (14) Die dominierende Sprachtheorie wurde die Generative Grammatik Noam Chomskys in ihrer sich ständig wandelnden Form. Daneben entwickelten sich aber auch andere Ansätze. So ist in verschiedenen Arbeiten zur funktionalen Satzperspektive der Einfluß der Prager Schule unverkennbar. Auch die Tesnièresche Abhängigkeitsgrammatik und die aus ihr hervorgegangene Valenzgrammatik, speziell ihre seit Anfang der achtziger Jahre vorliegende funktionale, d. h. semantische und syntaktische Valenz beschreibende Fassung, hat in Brasilien Fuß gefaßt. Auf ihrer Grundlage entstanden nicht nur eine kleine Valenzgrammatik (Borba 1996), sondern auch ein umfangreiches, ca. 6000 Lemmata umfassendes Valenzwörterbuch der Verben auf der Grundlage der brasilianischen Gegenwartssprache (Borba 1990).

Auch in Portugal läßt sich seit den sechziger Jahren eine Erneuerung der theoretischen Grundlagen der linguistischen Forschung beobachten. Dabei ist vor allem der Einfluß des französischen Strukturalismus (Martinet) unverkennbar. Anfang der siebziger Jahre zeigte sich dann der Einfluß der Chomskyschen Generativen Grammatik. Es entstanden verschiedene Dissertationen zu Spezialthemen der portugiesischen Grammatik, die Anfang der achtziger Jahre in eine theoretische Grammatik des Portugiesischen (Mateus / Brito / Duarte / Faria 1983) einflossen, die auch die logisch-semantischen und kommunikativ-pragmatischen Faktoren der Sprachproduktion sowie Aspekte der Textlinguistik einbezieht. Während dieser generative Ansatz vorwiegend an den Lissaboner Universitäten verfolgt wird, wird in Coimbra und Évora funktionale Grammatik betrieben, und in Porto gibt es neben generativer Grammatik auch Valenzgrammatik.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Tatsache, daß in Portugal wie in Brasilien auch über die Satzdomäne hinausgehende Disziplinen wie Textlinguistik und Gesprächsanalyse betrieben werden.

Wenngleich der vorangehende Abriß der wichtigsten Arbeitsgebiete der portugiesischen und brasilianischen Linguistik keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann und will und dies im Rahmen dieses Aufsatzes auch nicht erforderlich ist, dürfte klar geworden sein, daß die wissenschaftliche Bearbeitung des Portugiesischen in Portugal und Brasilien aus synchroner und diachroner Sicht in unserem Jahrhundert eine Vielzahl von Erkenntnissen erbracht hat, die von der romanistischen Sprachwissenschaft einfach nicht vernachlässigt werden dürfen, will sie ihren Anspruch auf übereinzelsprachliche Aussagen aufrechterhalten.

Unabhängig von dem Wert ihrer Aussagen für die romanistische Sprachwissenschaft insgesamt hat die lusitanistische Sprachwissenschaft natürlich auch einen eigenen Stellenwert, der heute möglicherweise höher zu bewerten ist als der allgemeinromanistische, und der sich aus der Menge an zusammengetragenen Informationen und ihrer theoretischen Relevanz einerseits und der wachsenden Bedeutung der lusophonen Länder in der heutigen Welt und der daraus erwachsenden Notwendigkeit einer genaueren Kenntnis ihrer sprachlichen Realität andererseits ergibt. Und diese Realität ist in den sieben Ländern der Comunidadenicht die gleiche, insbesondere dann, wenn auch kulturellen Unterschieden Rechnung getragen werden soll.

Es läßt sich daher die wachsende Nachfrage nach einem differenzierten Lehrangebot in europäischem und brasilianischem Portugiesisch beobachten, dem zur Zeit nur (zu) wenige deutsche Universitäten Rechnung tragen. (15) Dieser Trend wird sich unter dem Einfluß der Praxis verstärken. Karrierebewußte Studenten wollen heute zielstrebig studieren und das Wissen erwerben, das sie wirklich brauchen. Wer ein Praktikum oder eine spätere Tätigkeit in Brasilien anstrebt, wird sich nicht mit der komplizierten Phonetik des europäischen Portugiesisch plagen und einen Wortschatz lernen wollen, von dem er weiß, daß er gerade die alltagsrelevanten Lexeme in Brasilien (oder Afrika) neu lernen muß. In der umgekehrten Richtung ist die Umstellung bekanntlich noch komplizierter. Selbst Brasilianer behaupten bekanntlich oft, Portugiesen nicht zu verstehen, was angesichts der oben kurz skizzierten phonetischen Entwicklung durchaus nachvollziehbar ist.

Notwendig erscheinen also einerseits der weitere Ausbau der Lusitanistik als eigenständigen, von der Romanistik alter Prägung unabhängigen Fachs, (16) wie er sich in Deutschland seit Jahren bereits vollzieht, und gleichzeitig eine Differenzierung des Angebots, die den unterschiedlichen Varietäten in Portugal und Brasilien Rechnung trägt. Wo es möglich ist, sollte außerdem der wachsenden internationalen Bedeutung Brasiliens die Entwicklung von Brasilianistik-Studiengängen, gegebenenfalls als Bestandteil von Lateinamerikanistik-Studiengängen, in Angriff genommen werden. Notwendig ist aber gleichzeitig die Beibehaltung eines ebenso differenzierten Lehrangebots im Bereich der Sprachpraxis.

4 Die Entwicklung der deutschen Lusitanistik
zu einer eigenständigen Disziplin

In Deutschland manifestierte sich Interesse an der portugiesischen Sprache erstmals gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Damals wurden erste Auszüge aus dem portugiesischen Nationalepos Os Lusíadas («Die Lusiaden») von Camões in deutscher Sprache, die ersten Grammatiklehrbücher und das erste zweisprachige Wörterbuch des Portugiesischen und Deutschen veröffentlicht.

Die portugiesische Sprachwissenschaft im eigentlichen Sinne entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Bestandteil der historisch-vergleichenden Grammatik der romanischen Sprachen. (17) Infolge der dominierenden Rolle des Französischen als Schulsprache sowie – in geringerem Maße des Italienischen – nahm das Portugiesische bis vor nicht allzulanger Zeit eine relativ marginale Stellung innerhalb der deutschen Hochschulromanistik ein. Das hinderte jedoch nicht, daß bereits im 19. Jahrhundert grundlegende Arbeiten zur historischen Phonetik und Grammatik sowie zu Fragen der Etymologie erschienen.

Im 20. Jahrhundert und besonders nach dem ersten Weltkrieg bewirkten vor allem kommerzielle und politische Interessen ein wachsendes Interesse an Portugal und Brasilien, das sich in der Schaffung von verschiedenen, auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit den iberoromanischen, iberoamerikanischen und lusophonen Ländern orientierten Zentren außerhalb der traditionellen Romanischen Seminare äußerte (1912 Deutsch-Südamerikanisches Institut Aachen; 1917 Ibero-Amerikanisches Institut Hamburg; 1930 Ibero-Amerikanisches Institut Berlin). Auch die Schaffung der ersten Portugiesischlektorate fällt in diese Zeit. Im Jahre 1926 boten sechs deutsche Universitäten (Berlin, Bonn, Freiburg, Hamburg, Köln und Jena) Kurse zur portugiesischen Sprache und zur portugiesischen bzw. brasilianischen Landeskunde an. (18)

Mit Ausnahme des Hamburger Instituts, wo unter der Leitung von Fritz Krüger volkskundliche und volkssprachliche Studien zur Iberischen Halbinsel, einschließlich Feldforschung, betrieben wurden, änderte sich aufgrund der vorwiegend landeskundlich orientierten Zielstellung der neuen Zentren wenig an der Rolle der portugiesischen Sprachwissenschaft in der deutschen Hochschullandschaft.

Während des Dritten Reiches kam es zu einer weitgehenden Isolation der deutschen Sprachwissenschaft von der internationalen theoretisch-methodischen Entwicklung, die seit dem ersten Internationalen Linguistenkonkreß in Den Haag 1928 durch die Entstehung verschiedener Schulen der strukturellen Linguistik in der Nachfolge von Ferdinand de Saussure gekennzeichnet war, welche die Vorstellungen vom Aufbau der Sprache und von den Aufgaben der Sprachwissenschaft von Grund auf veränderten. Erst Ende der vierziger und besonders seit den fünfziger Jahren drangen die Ideen und Methoden der strukturellen Linguistik in die deutsche Sprachwissenschaft ein. Die Lusitanistik wurde davon zunächst kaum betroffen. Arbeiten etwa zur Phonologie (19) stellen absolute Ausnahmen dar.

Nach dem Krieg gewann die portugiesische Sprachwissenschaft in der damaligen Bundesrepublik Deutschland allmählich an Bedeutung; in der damaligen Deutschen Demokratischen Republik hingegen spielte sie praktisch keine Rolle. Andere gesellschaftliche Bedürfnisse führten hier zur Konzipierung neuer universitärer Studiengänge, in denen im Hinblick auf die Schule nur eine romanische Sprache, in der Regel Französisch, in Kombination mit einer nichtromanischen Sprache oder einem anderen Fach, studiert wurde. Die traditionellen Magisterstudiengänge bestanden noch einige Zeit als Diplomstudiengänge fort, wurden aber bereits in den sechziger Jahren mangels Bedarfs an Absolventen eingestellt. Auch in den neugeschaffenen Dolmetscher- und Übersetzerstudiengängen wurden mit Blick auf die spätere Berufspraxis in der Regel eine romanische Sprache und eine nichtromanische, meist Englisch oder Russisch, kombiniert.

Unter dem Eindruck der kubanischen Revolution von 1959 wurde das damals verwaiste Romanische Institut der Universität Rostock ab 1959 schrittweise zu einem Lateinamerika-Institut umstrukturiert, an dem neben Spanisch auch brasilianisches Portugiesisch Gegenstand von Lehre und Forschung wurde.

Eine grundlegende Wende in der Rolle der portugiesischen Sprachwissenschaft der ehemaligen DDR vollzog sich nach der Revolution von 1974 in Portugal und dem Entstehen unabhängiger lusophoner Staaten in Afrika. Portugiesisch wurde zu einer strategisch wichtigen und daher staatlich geförderten Sprache. Für die Entsendung von Spezialisten verschiedener Art wurden im Wirkungsbereich unterschiedlicher Ministerien Sprachintensivzentren für Portugiesisch eingerichtet und die dafür notwendigen Lehrmaterialien beschafft bzw. in kurzer Zeit erarbeitet. Gleichzeitig wurde die Ausbildung von Sprachlehrkräften für die Erwachsenenbildung sowie die Ausbildung von Dolmetschern und Übersetzern vorangetrieben. An den Universitäten Berlin, Leipzig und Rostock wurden Studiengänge eingerichtet bzw. ausgebaut, in denen Portugiesisch als erste oder einzige romanische Sprache studiert werden konnte.

Die neuen Bedingungen führten zur Etablierung einer neuen Disziplin, der Afrolusitanistik, sowie zur Wiedererstehung der im 19. Jahrhundert von Hugo Schuchardt begründeten Kreolistik, die beide vor allem an der Universität Leipzig betrieben wurden.

Praktische Bedürfnisse stimulierten Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Grammatik und Lexikologie/Lexikographie des Portugiesischen und Studien zum Sprachvergleich Deutsch-Portugiesisch/Portugiesisch-Deutsch. Es entstanden verschiedene Monographien und Wörterbücher. Eine vom funktionalen Standpunkt konzipierte und ausführlich die Syntax behandelnde Grammatik der portugiesischen Sprache, die auch brasilianische und afrikanische Besonderheiten erfaßt, konnte 1989 an der Technischen Universität Dresden fertiggestellt und 1998 veröffentlicht werden. (20)

In den achtziger Jahren fanden an den Universitäten in Leipzig und (Ost-)Berlin erstmals ausschließlich lusitanistischen Fragestellungen gewidmete Kolloquien statt.

Auch in der alten Bundesrepublik gewann in diesen Jahren das Portugiesische immer mehr Terrain im universitären Bereich. Die Zahl der Universitäten, die Lehrveranstaltungen zum Portugiesischen anboten wuchs. So boten im Wintersemester 1986/87 39 Universitäten portugiesische Sprachkurse an, und an 21 von ihnen konnte Lusitanistik in mehr oder weniger starkem Umfang studiert werden. Lusitanistische Themen werden immer seltener als Marginalia in hispanistischen oder romanistischen Überblicksveranstaltungen, sondern als zentraler Gegenstand eigenständiger lusitanistischer Veranstaltungen angeboten. Die Entwicklung der universitären Lehre hat damit der sprachlichen und kulturellen Eigenständigkeit der lusophonen Welt und in Ansätzen auch schon ihrer Differenziertheit Rechnung getragen. Der wachsende Gebrauch der Bezeichnung Lusitanistik ist Ausdruck dieses gewachsenen Selbstbewußseins der Disziplin.

Dieser Prozeß der Profilierung und Verselbständigung lusitanistischer Studien zeigte sich auch auf anderen Gebieten.

Auf dem wissenschaftlichen Zeitschriftenmarkt gibt es seit 1985 die Zeitschrift Lusorama – Zeitschrift für Lusitanistik, die sich zusammen mit ihren drei Beiheftreihen Studien zur portugiesischen Sprachwissenschaft, Studien zur Literatur Portugals und Brasiliens und Studien zur Afrolusitanistikausschließlich der portugiesischen Sprachwissenschaft und der Kultur der lusophonen Länder widmet. Das fast fünfzehnjährige erfolgreiche Bestehen der Zeitschrift beweist, daß in Deutschland ein Markt für Informationen zu diesen Themen besteht, zumal auch andere Fachzeitschriften Arbeiten zu lusitanistischen Themen publizieren.

Auch im Bereich der wissenschaftlichen Fachverbände hat die Lusitanistik – nach der Hispanistik und der Katalanistik – mit der Gründung des heute über 160 Mitglieder zählenden Deutschen Lusitanistenverbandes im Jahre 1993 eigene Gestalt angenommen.

Bis in die achtziger Jahre erfolgte der wissenschaftliche Gedankenaustausch unter den Lusitanisten der alten Bundesrepublik im wesentlichen im Rahmen von romanistischen Veranstaltungen, namentlich der vom Deutschen Romanistenverband alle zwei Jahre veranstalteten Deutschen Romanistentage.

Die politische Wende in der ehemaligen DDR im Herbst 1989 machte erstmals direkte Kontakte zwischen den Lusitanisten beider deutscher Staaten möglich und unproblematisch. Diese Gelegenheit nutzend, haben die Lusitanisten (und Katalanisten) der beiden deutschen Staaten im September 1990 ihr erstes gemeinsames Kolloquium am Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz in Berlin durchgeführt. Dieses Kolloquium wurde zum Ausgangspunkt einer ganzen Reihe von Kolloquien, die seitdem etwa im zweijährigen Rhythmus, seit der Gründung des Deutschen Lusitanistenverbandes als Lusitanistentage, immer auch mit mindestens einer linguistischen Sektion, stattfinden.

Der im September 1993 in Hamburg durchgeführte 4. Kongreß des Internationalen Lusitanistenverbandes sowie Kolloquien zu speziellen Themen, zum Beispiel zum portugiesisch-deutschen Sprachvergleich im November 1990 in Kiel oder zum sprachlichen Substandard Brasiliens im Oktober 1997 am Ibero-Amerikanischen Institut in Berlin, sind weiterer beredter Ausdruck der lusitanistischen Aktivitäten der letzten zehn Jahre.

Im März 1998 konnte am Ibero-Amerikanischen Institut Preußischer Kulturbesitz in Berlin ein von Leipziger Lusitanisten in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern des IAI organisiertes fünftägiges Internationales Kolloquium mit dem Titel «Die Untersuchung des Portugiesischen in Afrika, Amerika, Asien und Europa: kritische Bestandsaufnahme und Diskussion des aktuellen Forschungsstandes» durchgeführt werden, auf dem über einhundert Beiträge vorgetragen wurden, die einen umfassenden Überblick über den internationalen Entwicklungsstand der lusitanistischen Sprachwissenschaft vermittelten. Mehr als die Hälfte der Beiträger kam aus Brasilien; Portugal und Deutschland waren etwa zu gleichen Teilen vertreten. Außerdem nahmen Lusitanisten aus Polen, Rußland und den USA teil. Mit der Publikation der Akten wird ein reicher Fundus an Informationen über das Portugiesische und seine Varietäten vorliegen.

Wenngleich die Zahl der auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft arbeitenden deutschen Lusitanisten vergleichsweise gering ist, lassen sich dennoch eine Ausweitung der bearbeiteten Teilgebiete und ein gewachsenes Methodenbewußtsein feststellen. Zwar wird weiterhin auf dem traditionellen Gebiet der diachronischen Sprachwissenschaft gearbeitet, doch ist eine deutliche Hinwendung zur Sprache der Gegenwart zu erkennen.

Es gibt inzwischen Arbeiten zur lexikalischen und grammatischen Semantik, zur Phraseologie, Parömiologie und Lexikologie, zur Wortbildung, zur Syntax und Textgrammatik. Auch zur Diskursanalyse und zur verbalen Interaktion liegen Arbeiten vor. Bei der Beschreibung des grammatischen Systems dienen auch bei deutschen Lusitanisten die funktionale Grammatik, die Generative Grammatik und die Valenzgrammatik als theoretische Grundlagen. Es gibt Studien zur Sprachvariation – zum gesprochenen Portugiesisch in Portugal, zum afrikanischen Portugiesisch, zum brasilianischen Portugiesisch, ja sogar zum Portugiesisch in Uruguay. Und nicht zuletzt liegen einige Arbeiten zur Geschichte der lusitanistischen Sprachwissenschaft in Portugal, Brasilien und Deutschland vor.

5 Was bleibt zu tun?

Die erfolgreiche Bilanz der Lusitanistik inner- und natürlich vor allem außerhalb Deutschlands kann nicht dazu berechtigen, bei dem Erreichten stehenzubleiben.

Die vorangehenden Ausführungen enthalten verschiedene Hinweise auf Anknüpfungspunkte für weiterführende Forschungen, die an dieser Stelle nicht noch einmal wiederholt zu werden brauchen.

In der Lehre ist einerseits die Hochschullusitanistik weiter zu stärken, denn die eingangs aufgezeigten Entwicklungstendenzen in den lusophonen Ländern berechtigen wohl zu der Prognose, daß der Bedarf an lusitanistischem Fachwissen, an auf die lusophonen Länder bezogener interkultureller Kompetenz, die differenzierte Sprachkenntnisse einschließt, mit Sicherheit wachsen wird. Es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß das Portugiesische eine ähnliche Aufwärtsentwicklung wie das Spanische erleben wird, das noch in den zwanziger Jahren von manchem Romanisten notgedrungen wegen der Anforderungen der kommerziellen Praxis betrieben wurde (vgl. die Tagebuchaufzeichnungen von Viktor Klemperer [1996] zu seinem Verhältnis zum Spanischen) und heute fester Bestandteil des romanistischen Fächerkanons ist, wobei es an einigen Universitäten bereits wie in den USA zur meiststudierten romanischen Sprache wurde. Dabei ist auch den verschiedenen nationalen Varietäten und Normen durch ein differenzierteres Lehrangebot Rechnung zu tragen. Lusitanistische Lehrinhalte dürfen auf keinen Fall akuten Sparzwängen geopfert werden, und eine Weltsprache wie Portugiesisch wird in Zukunft gleichen Rang wie die beiden anderen romanischen Weltsprachen Spanisch und Französisch beanspruchen können.

Die universitäre Vermittlung lusitanistischer Inhalte ist stärker mit der Praxis der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens zu verzahnen. Genauere Kenntnis der Praxisanforderungen seitens der Lehrenden an den Universitäten und entsprechende Ausrichtung der Lehrinhalte sowie Praktika in Betrieben und Institutionen mit Geschäftsbeziehungen bzw. Kontakten zu den lusophonen Ländern sowie in diesen Ländern selbst während des Studiums müssen in der Zukunft die Ausbildung optimieren. Dazu gehört auch die Schaffung neuer, nicht am traditionellen Berufsbild des Philologen, sondern an den Bedürfnissen der Praxis orientierter Studiengänge, wie beispielsweise Lateinamerikanistik (mit starker brasilianistischer Komponente) oder Brasilianistik.

Andererseits ist Wissen über die Kultur der lusophonen Länder und ihre Spezifik einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. In dieser Richtung müssen die lusitanistischen Abteilungen, insbesondere die portugiesischen Lektoren im Zusammenwirken mit dem Instituto Camões, weiterhin aktiv arbeiten und in ihrer Arbeit von den Universitäten tatkräftig unterstützt werden.

An den Gymnasien sind Möglichkeiten zu schaffen, Portugiesisch zumindest im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften in den Grundzügen zu erlernen. Ein solches Projekt läuft zum Beispiel seit einigen Jahren mit Erfolg an einem Leipziger Gymnasium, wo eine Absolventin eines lusitanistischen Studiengangs tätig ist. In der Zukunft sollte Portugiesisch auch als dritte Fremdsprache in allen Bundesländern angeboten werden.

Das kann in der Regel nur über hauptamtlich tätige Lehrer erfolgen. Daher sollte die bereits in manchen Bundesländern bestehende Möglichkeit eines Zuatz- oder Aufbaustudienganges Lehramt Portugiesisch, z. B. für Absolventen von Lehramtsstudiengängen anderer romanischer Sprachen, weiter ausgebaut werden.

Den Lusitanisten bietet sich also auch in der Zukunft ein umfangreiches Betätigungsfeld, das es ständig entsprechend den Anforderungen der Praxis sowie den fortschreitenden fachwissenschaftlichen Erkenntnissen zu erneuern und auszugestalten gilt.

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Anmerkungen:

1. Einige hunderttausend Indianer im Inneren Brasiliens, die neben Portugiesisch noch ihre eigenen Sprachen sprechen, werden in diesem Zusammenhang nicht berücksichtigt.

2. Vgl. Bornhorst (1997a: 247).

3. Bornhorst (1997b: 76; 1997a: 264-265).

4. Bornhorst (1997b: 74b).

5. Bornhorst (1997b: 78b).

6. Sangmeister (1994: 320-321).

7. Sangmeister (1994: 626).

8. Sangmeister (1994: 630).

9. Vgl. Rangel (1996: 73-86).

10. Artikel 3 der Statuten der CPLP, abgedruckt in Große (1996: 12).

11. Vgl. Artikel 7, in: Große (1996: 13).

12. Vgl. Perl (1987: 1-16).

13. Aragão (1997: 82-94).

14. Altmann (1997: 56).

15. Laut Übersicht über portugiesische Themen im WS 1986/87 und SS 1987 in Schönberger (1987: 61-74) wurden sprachpraktische Veranstaltungen zum brasilianischen Portugiesisch nur an der FU Berlin (Lateinamerikainstitut), an den Universitäten Hamburg, Heidelberg, Köln, München und Tübingen angeboten.

16. So kann beispielsweise an der Universität Leipzig seit dem WS 1997/98 Lusitanistik nicht nur, wie bei der Neugründung des Instituts für Romanistik zunächst vorgesehen, als Nebenfach, sondern nunmehr auch als Hauptfach studiert werden.

17. Diez (1836).

18. Beiblatt zu Iberica 6-8 (1926; Hamburg), S. 16, zitiert in Perl (1990: 50).

19. Lüdtke (1952/1953).

20. Gärtner (1998).